Dolmetschen ist ein Privileg, nicht ein Recht!

Mit der Inauguration (deutsch: Amtseinführung) von Joe Biden als 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika begann am 20.Januar 2021 eine neue Geschichte und lässt viele Menschen Hoffnung schöpfen. Die Hoffnung begründete sich in der ersten schwarzen Vizepräsidentin, Kamala Harris, aber vor allem auch an der Art und Weise, wie diese Inszenierung verlaufen ist, denn es gab viele weitere symbolische Akte. So trat die junge afroamerikanische Poetin Amanda Gorman auf und trug ihr viel beachtetes und gelobtes Gedicht “The Hill We Climb” vor, in dem sie ihre Landsleute zur Einheit, Zusammenarbeit und Zusammengehörigkeit aufrief.

Nach dieser sogenannten Anrufung („Invocation“) folgte der Treueschwur (“Pledge of Allegiance”), welche durch Andrea Hall, Kommandantin der Feuerwehr von South Fulton, Georgia, der ersten schwarzen Frau in einem derartigen Amt in den Vereinigten Staaten, ausgeführt wurde. Dieser Auftritt ging als Video viral und erfreute weltweit besonders viele gehörlose Menschen, da Andrea Hall als CODA (= Child of Deaf Adult) den Treueschwur in amerikanischer Gebärdensprache leistete. So etwas ist derzeit hierzulande unvorstellbar, dass amtstragende Personen auf einer großen öffentlichen Bühne gebärden. Insgesamt sorgte die Inauguration bei vielen Menschen für Gänsehaut-Momente und für die Hoffnung, dass in der USA neue Zeiten im Hinblick auf Toleranz und Inklusion anbrechen.

Diese Hoffnung ist sehr wichtig, denn es gibt auch noch eine andere Geschichte in den USA. Der frühere Präsident Donald Trump hat bis heute seine Niederlage bei der Wahl im letzten November nicht eingestanden und wird es wohl auch nie tun. Entsprechend gibt in den USA noch viele Anhänger von Trump, die von einer geklauten Wahl sprechen und die neue Regierung ablehnen.

Auch unter Gehörlosen gibt es diese Spaltung. Sie zeigt sich besonders an einer Gebärdensprach-Dolmetscherin: Heather Mewshaw. Diese rückten in den letzten Tagen von Präsident Trump in den Blickpunkt, weil sie seine Auftritte in die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) dolmetschte. Massive Kritik an ihr setze ein, als sie mit einer MAGA-Kappe (“Make America Great Again”) und Trump-Unterstützer-Shirt für eine Gruppe von gehörlosen Trump-Anhängern dolmetschte.

Sie betonte ihre Ehrenamtlichkeit und verteidigte sich damit, dass diese gehörlose Personen zu wenige Informationen in ASL bekämen und ein Recht darauf hätten, auch wenn manche Inhalte sonderbar wären und sich damit nicht identifizieren würde. Sie ergänzte zudem, dass manche ihrer dolmetschenden Kollegen eine Doppelmoral besäßen, wenn sie sich als liberal bekennende Aktivisten ausgeben würden, aber doch auch für konservative Politiker dolmetschen würden.

Innerhalb der Gehörlosen-Gemeinschaft und der Dolmetscher-Gemeinschaft gibt es eine anhaltende Debatte darüber, ob Mewshaw gegen einen oder gar mehrere Grundsätze des Code of Professional Conduct (CPC) verstoßen hat. Der CPC stellt eine Art von Verhaltenskodex oder Berufskodex für die amerikanischen Gebärdensprach-Dolmetscher dar und wird vom Verband der amerikanischen Gebärdensprach-Dolmetscher (RID = Registry of Interpreters for the Deaf) gepflegt und überwacht.

Der ausschlaggebende Grundsatz ist Punkt 3.8 des CPC und besagt, dass Gebärdensprach-Dolmetscher*innen „tatsächliche oder vermeintliche Interessenkonflikte vermeiden sollten, die Schaden verursachen oder die Effektivität der Dolmetschleistungen beeinträchtigen könnten.“

Der amerikanische Nachrichtensender für gehörlose Menschen, DAILY MOTH, hat beim RID nachgefragt, welche Konsequenzen ein solches Verhalten haben könnte, ob es gar zu einem Ausschluss und Aberkennung der Lizenz kommen könnte. Hier verwies der RID auf die bestehenden Regularien und zeigte auf, dass es ein sehr langwieriges und genau abzuwägende Entscheidung wäre.

Aus der Gehörlosen-Gemeinschaft kommt hierauf sehr scharfe Kritik, denn einzelne gehörlose Akteure stellen die Frage, wieso denn der RID derjenige Verband sei, der darüber bestimme, welche Gebärdensprach-Dolmetscher für die Gehörlosen-Gemeinschaft tätig sein dürfe und wieso sie auf diese Entscheidung keinen Einfluss habe.

Konkret wird darauf verwiesen, dass der RID ein Berufsverband sei, der hauptsächlich von Hörenden geführt werde und mehrheitlich hörenden Interessenvertretern dient. Die dort zugehörigen Gebärdensprach-Dolmetscher sind beitragszahlende Mitglieder und der RID bedient deren Interessen, was nicht unbedingt deckungsgleich mit den Interessen der Gehörlosen sei.

Sehr eindringlich geht eine gehörlose Person mit dem Namen ‘Not angry Deaf Person’ (= ’Keine zornige gehörlose Person’) in ihrer Stellungnahme auf das Thema ein. Der Name selbst ist auch schon Programm und Hinweis auf die typische Reaktion von hörenden Menschen, wenn Gehörlose sich zu Wort melden. So erklärte ‘Not angry Deaf Person’ (NaDP) seine Namenswahl: “Der Name wurde als sarkastische Antwort auf hörende Menschen gewählt, die oft das Konzept der Wut benutzen, um die Reaktionen von Gehörlosen zu kontrollieren oder abzutun. Im Grunde ist das auch schon eine Form der Einschüchterung und Diskriminierung, weil man die Antworten gehörloser Menschen nicht Ernst nimmt.

NaDP führt an, dass Gebärdensprach-Dolmetscher gerne und oft auf ihrem Verhaltenskodex verweisen. Sie führt aber auch an, dass der CPC selbst subjektiv und offen für Interpretationen ist. So besagt der CPC bspw., dass Dolmetscher eine Position des Vertrauens innehalten.

Das ist wichtig und auch richtig, da Dolmetscher tief in die Intimsphäre von gehörlosen Menschen eintauchen und gehörlose Menschen sich ihnen anvertrauen und quasi auch ausliefern. Es entsteht in gewisser Weise ein Ungleichgewicht, da der Dolmetscher viel Einblick in das Leben der gehörlosen Person bekommt, umgekehrt der Gehörlose selbst aber wenig vom Dolmetscher weiss. Dieses Ungleichgewicht hat Folgen und macht sich in vielen Situationen bemerkbar.

Kommen wir zurück zum CPC. Was bedeutet es, wenn Dolmetscher auf den CPC verweisen, dieser aber letztlich vom RID gesteuert wird? Im Grunde sagt man damit aus, dass der CPC potenziell über gehörlose Menschen gestellt wird und die Autorität des RID schwerer wiegt als die Handlungsfähigkeit von Gehörlosen – und somit in die Rechte, Entscheidungen und Urteile eingreift, welche gehörlose Menschen für sich selbst treffen können sollten. Diese Aussage wird oft auch mit den Worten manifestiert, dass gehörlosen Menschen gesagt wird, sie haben keine Ahnung vom Dolmetschen und könnten entsprechend bestimmte Vorgänge oder Verfahren nicht beurteilen. Mit anderen Worten: Gehörlose Menschen haben die Klappe zu halten und haben entsprechend auch keine Handhabe oder Einfluss auf den CPC.

Aus dem Abschluss zum Gebärdensprach-Dolmetscher und dann auch der Zugehörigkeit zum Berufsverband sowie der CPC leitet sich ein Gebärdensprach-Dolmetscher entsprechend das Recht ab, darüber zu bestimmen, wie er sein Beruf auszuüben hat. Nicht der gehörlose Mensch mit seinen Bedürfnissen rückt in den Fokus und steht im Mittelpunkt seiner Aktivität und Betrachtungen, sondern die Möglichkeiten und Machbarkeit des Berufes sind es.

Ist das so eine richtige und auch absolute Betrachtungsweise? Lassen Sie uns innehalten und einen Schritt zurückgehen: Ist es denn nicht eher so, dass der Dienst als Gebärdensprachdolmetscher ein Privileg ist? Denn wir gehörlose Menschen lassen sie in den privatesten Bereichen unseres Lebens hinein und heißen sie (nicht immer freiwillig) willkommen. Entsprechend steht uns auch das Recht zu, Dolmetscher zu bitten, uns zu verlassen, wenn Sie dieses Privileg missbrauchen. Daraus lässt sich ableiten: Es gibt kein absolutes Recht, ein Gebärdensprachdolmetscher zu sein.

Der Beruf als Gebärdensprach-Dolmetscher existiert nicht, um Egos zu befriedigen oder den Selbstwert zu bestätigen. Er ist auch nicht dafür geschaffen, einen Unterhaltungswert darzustellen oder für Wohlfühlmomente von neugierigen und wohlmeinende Gutmenschen zu sorgen. Es geht einzig und allein darum, uns gehörlosen Bürgern den Zugang zur öffentlichen Sphäre zu verschaffen, so dass wir alle als voll engagierte Bürger teilnehmen können. Bitte, liebe Gebärdensprach-Dolmetscher, halten sie sich das öfters vor Augen, wenn sie morgens in den Spiegel gucken: Es ist ein Privileg, aber kein Recht!

Quellen:

Bild von Heather Mewshaw:

Stellungnahme von „Not angry dead person„: https://notanangrydeafperson.medium.com/work-as-sign-language-interpreters-is-a-privilege-not-a-right-8ac16895da81

DAILY MOTH: https://www.dailymoth.com/blog/updatesonheathermewshawinterpretercontroversy

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