Kann Identität Brücken schlagen?

Der 19. April 2021 gehörte zu einem der besseren Tage in meinem Leben. Als ich die E-Mail von der Deutschen UNESCO-Kommission e. V. in meinem Postfach sah, hüpfte mein Herz ein paar Takte höher. Der Inhalt der E-Mail ließ mich kleine, spitze Freudenschreie ausstoßen. Endlich, endlich: Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) wurde in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. 

Die UNESCO ist jetzt nicht irgendwer. Der Name steht für „United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization“. Sie ist eine Sonderorganisation der United Nations (UN/Vereinten Nationen) und hat die Aufgabe, durch Förderung der internationalen Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation zur Erhaltung des Friedens und der Sicherheit beizutragen. 

Mit der Aufnahme in das Verzeichnis zählt die DGS nun zu den „unschätzbaren und unersetzlichen Gütern“ in Deutschland. Sie ist damit von höchstem universellem Wert und wird aufgrund ihrer außergewöhnlichen Eigenschaften als besonders schutzwürdig betrachtet, so die Kernaussagen der UNESCO.  

Der Jubel ist groß und die Freude von vielen Seiten zu vernehmen. Aber es steht auch die Frage im Raum: Was machen wir jetzt damit, was hilft uns das? Finanzielle Vorteile hat der Vorgang nicht, da die UNESCO keine Fördermittel etc. zur Verfügung stellt und die Auszeichnung erst einmal eher einen ideellen Wert darstellt.  

Aus meiner Sicht ist dieser Schritt ein weiterer Mosaikstein, um die Gebärdensprache als einen selbstverständlichen Teil in der Gesellschaft zu verankern. Er hilft uns Gehörlosen in der Nutzung und in der Weiterentwicklung unserer Sprache. Denn dort ist noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten. Für viele Menschen ist die Gebärdensprache noch immer sehr abstrakter Natur und utopisch. Dieser exotische Charakter mag manchmal nützlich sein, weil er Aufmerksamkeit erregt, aber er zeigt auch den Sonderstatus, den wir als Gehörlose mit unserer Sprache haben. Damit sind wir noch weit von einer Normalität entfernt. 

Mit der Aufnahme in das Verzeichnis als UNESCO-Kulturerbe wird nun auch endgültig anerkannt, dass die Gebärdensprache etwas Besonderes und Wertvolles ist. Damit gewinnen wir Gehörlose an Achtung und Respekt, können unsere Sprache gleichberechtigt neben der Lautsprache nutzen. Zugleich verbessert dies unsere Chancen für die Teilhabe an unserer Gesellschaft, stellen wir ein bereicherndes Element für die Vielfalt der menschlichen Gesellschaft dar und halten nicht mehr nur einen Sonderstatus als Menschen mit Behinderungen inne. 

Anerkennung als sprachliche Minderheit 

Es ist noch nicht das Ende der Reise, denn der nächste Schritt für die Deaf Community muss die Anerkennung als sprachliche Minderheit sein. Es gibt insgesamt fünf Kriterien, um als eine solche sprachliche Minderheit anerkannt zu werden: 

  1. die Angehörigen sind deutsche Staatsangehörige
  2. sie unterscheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eigene Sprache, Kultur und Geschichte, also eigene Identität
  3. sie wollen diese Identität bewahren
  4. sie sind traditionell in Deutschland heimisch
  5. sie leben hier in angestammten Siedlungsgebieten

Die ersten vier Punkte können auf die Deaf Community und die Gebärdensprache übertragen werden. Was fehlt, ist der letzte Punkt, das Leben in einem angestammten Siedlungsgebiet. Dieser Punkt trifft allerdings auch auf die Sinti und Roma zu, welche dennoch den Status einer sprachlichen Minderheit 1995 erhalten haben. So gesehen müsste das dann auch für die Deaf Community gelten. Mit diesem Thema beschäftigt sich der Deutsche Gehörlosen-Bund (DGB) mit einer Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Christian Rathmann und ich bin zuversichtlich, dass hier das Ziel erreicht werden kann. Einfach wird das nicht werden, da sich aus finanziellen Erwägungen heraus bestimmte Gruppierungen in der Politik dagegen aussprechen. Denn mit der Anerkennung als sprachlicher Minderheit würde sich der deutsche Staat auch dazu verpflichten, bestimmte finanzielle Mittel dauerhaft zur Verfügung zu stellen. Ich bin gespannt, wie sich das entwickeln wird.  

Die Bedeutung von Identität: Bestimmen Minderheiten über Mehrheiten?

Für die Anerkennung als sprachliche Minderheit ist Identität ein elementares Merkmal. Identität innerhalb der Gehörlosen-Gemeinschaft wird vor allem durch die Gebärdensprache als wichtiges Bindeglied geschaffen, da diese den Zugang zur Teilhabe und Kultur sicherstellt und einen Weg zur Selbstbestimmung schafft. Aus diesem Grund ist für gehörlose oder taube Menschen die Zugehörigkeit zur Gehörlosen-Gemeinschaft von enormer Bedeutung. 

In den letzten Wochen und Monaten ist Identität wieder ein großes Thema in den Medien gewesen. Ausgelöst wurde es durch den früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse, welcher in seinem Essay unter dem Titel „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft“ () in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) kritisch anmerkte, wie gerade gesellschaftliche Strömungen gegeneinander laufen und gefährliche Züge annehmen. 

Er weist darauf hin, dass Minderheiten für sich selbst auf Basis ihrer Identität definieren, was sie für richtig und falsch halten und erwarten, dass die (herrschende) Mehrheit dies anstandslos akzeptiert. 

Hier setzt seine Kritik an, denn er wünscht sich einen offenen Dialog, der in eine „aufmerksame Lernbereitschaft bei Mehrheiten und unaggressive Erklärbereitschaft bei Minderheiten“ mündet. Seiner Meinung nach kann dies nur erreicht werden, wenn Vielfalt und Anderssein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten der Mehrheitsgesellschaft eingebettet ist. Dazu gehört auch, „geschichtlich geprägte kulturelle Normen, Erinnerungen, Traditionen“ anzuerkennen. Denn – so seine Meinung – aus Vielfalt entstehe nicht automatisch auch Gemeinsamkeit. 

Auf einen unabdingbaren Respekt vor Vielfalt und Anderssein oder auf die Radikalität der eigenen Betroffenheit zu setzen, das sei in seinen Augen keine Lösung. Wer Mehrheiten gewinnen und für Minderheiten etwas erreichen will, der muss Betroffenheit in Reformschritte übersetzen. Hierzu gehört es, mit Menschen entsprechend zu kommunizieren und sie nicht frontal anzugreifen, wenn sie bspw. nicht die „richtige“ Sprache sprechen und somit sich dem Verdacht aussetzen, bewusst zu diskriminieren. Denn die Schärfe und Aggressivität dieser Kommunikation führe dazu, dass Menschen sich dieser Auseinandersetzungen eher entziehen und sie ablehnen. 

„Das Überziehen des Richtigen kann zum Falschen führen!“

Auch beim Bündnis 90/Die Grünen () wenden sich einige Mitglieder unter dem Titel „Ohne Angst verschieden sein!“ gegen linke Identitätspolitik und vermeintliche Cancel Culture. Sie betonen, dass ein offener Dialog benötigt wird und keine selbsternannte Avantgarde allen vorschreibt, was übersetzt, gemalt oder geschrieben werden darf und somit definiert, was gelebte kulturelle Vielfalt bedeutet. 

Gegen Rassismus und Diskriminierung vorzugehen, sei richtig und ist wichtig. Wenn aber Identitätspolitik in Selbstgerechtigkeit, Selbsterhöhung und neue Denkverbote umschlägt, sei dies ein Angriff auf die Freiheit und führt dazu, dass oft gut gemeinte Positionen durch Übertreibung ins Falsche kippen. Das geschehe besonders dann, wenn Sprach- und Artikulationsvorschriften eingeführt werden, die sich auf Spaltung und Unterordnung anstatt auf Diskurs stützen. 

Die Audismus-Keule

Mit Denk- und Sprechverboten kennen wir uns in der Deaf Community gut aus, begleiten sie uns doch schon von klein auf. Die hohe Wertschätzung des Gehörs und des lautlichen Sprechens entwertet taube bzw. gehörlose oder hochgradig hörgeschädigte Menschen und lässt sie als bedauernswerte Menschen mit dem medizinischen Defekt des Hörens und Sprechens dastehen. Mittels elektrotechnischen Lösungen wie Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten sollen in den Augen einer hörenden Mehrheitsgesellschaft die Defizite behoben werden und eine Anpassung an sie bzw. auch eine Eingliederung in ihr erfolgen. Passend dazu wurde die Nutzung der Gebärdensprache über Jahrhunderte verboten, weil die herrschende Auffassung war, dass die Gebärdensprache kontraproduktiv für das Lernen der Lautsprache sei und eine solche Eingliederung verhindere. Schon die alten Griechen wussten, dass mangelndes Sprachen auch mangelndes Denken hervorruft. Diese Haltung bezeichnet man Audimus und prägt auch den Umgang mit der Gebärdensprache bis in die heutige Zeit. 

Die Gebärdensprach-Gemeinschaft hat indes die Gebärdensprache dennoch weiterhin genutzt, wenn auch im Verborgenen. Erst in den letzten 50 Jahren hat sich der Blickwinkel geändert und die Gebärdensprache wird als vollwertiges Sprachsystem anerkannt. Mit dem Aufkeimen eines Bewusstseins für die Gebärdensprache schlug das Pendel in die andere Richtung um – auch innerhalb der Deaf Community. Plötzlich waren Hörgeräte, später das Cochlea Implantat, verpönt. Wenn jemand sich als taub bezeichnete, war es nahezu unmöglich, auch die Lautsprache zu verwenden, da diese ja dem Diktat der hörenden  Mehrheitsgesellschaft unterlag. Unter dem Siegel von Audismus wurden nun von der Deaf Community alle möglichen verschiedenen Formen von systematischen Diskriminierungen zusammengefasst, welche eine Überhöhung des Hörens und des Sprechen forcierten.  

Es ist verständlich, wenn jahrzehntelange Diskriminierungen und eine tief sitzende Stigmatisierung bei vielen tauben Menschen Frust und Resignation ausgelöst haben. Nun öffnet sich im Zuge der Vielfalt die hörende Mehrheitsgesellschaft Schritt für Schritt und lädt taube Menschen zur Teilhabe an der Gesellschaft ein. Jeder dieser Schritte zur Vielfalt muss mühsam in vielen Wiederholungsschleifen abgerungen  ererungen werden, bis geltendes Recht auch zu praktiziertem Recht wird. In den Augen gehörloser Menschen sind diese Schritte zu langsam, da oft Jahre vergehen, bis auch spürbare Veränderungen eintreten und entsprechend agieren gehörlose Menschen oft mit Unverständnis und Unwillen ob bestimmter Maßnahmen. 

Ähnlich wie viele andere Minderheiten versuchen sie zu Recht auf ihre missliche Situation hinzuweisen und dies führt zu Verhaltensmustern, wie wir sie bei anderen Minderheiten auch kennen und welche hier im Text weiter oben schon geschildert wurden. Bei nahezu allen gehörlosen oder tauben Menschen fällt nun jeder Hörende unter Generalverdacht, wenn er sich nicht sofort auf die Gebärdensprache oder kulturelle Eigenheiten der Gehörlosen-Gemeinschaft einlässt und wird schnell mit diskriminierenden Attributen bedacht. Oft wird dabei übersehen, dass viele hörende Menschen sich nicht bewusst sind, dass taube Menschen unter dem Diktat des Hören-und-Sprechen-Müssens leiden und sie daher mit Unverständnis auf häufig aggressive Konfrontationen seitens der Gehörlosen reagieren. Fatal wird das Ganze, wenn es sich ins Gegenteil verkehrt, weil hörende und willige Personen sich aufgrund der Tonlage entsetzt abwenden. 

Es geht noch weiter: Auch innerhalb der Gehörlosen-Gemeinschaft wurde der Ton rauer und einige wenige schwangen sich zu Wortführern der Community auf. Sie waren der Meinung, alle müssten an einem Strang ziehen, es dürften keine Lücken entstehen, so dass faktisch eine Art Gleichschaltung damit einherging. Jede Meinungsverschiedenheit oder jedes Ausscheren zog eine Ächtung nach sich, so dass viele Gehörlose sich nicht mehr wirklich trauten, ihre ehrlichen Ansichten zu äußern. Denn ein Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutet in der Praxis eine Isolierung und das Leben eines Einsiedlers – quasi die Höchststrafe. 

Audismus als Wort sensibilisiert einerseits, andererseits aber ist es ein Wort, welches innerhalb der Gehörlosen-Gemeinschaft eine Art von regulierender, geradezu einschüchternder Wirkung hat. Entsprechend entlockt seine Verwendung bei mir nicht nur Freude, da es dadurch wieder zu einer Spaltung innerhalb der Deaf Community führen kann. 

Das Gegenseitigkeitsprinzip als Lösungsansatz

Wie können wir hier und in anderen Situationen agieren und handeln, damit Menschen wieder zusammenkommen und sich nicht noch weiter voneinander entfernen? Bei vielen Menschen sehe ich, dass sie sich  grundsätzlich eine offene und vielfältige Gesellschaft wünschen. 

Vielfalt achten und respektieren – das geht nur, wenn beide Seiten das Verbindend-Gemeinsame suchen. Jeder Mensch hat den Anspruch und auch die Verpflichtung, sich nach dem Gegenseitigkeitsprinzip so zu verhalten, wie er oder sie es von anderen verlangt – ohne dabei Ausnahmen aufgrund von Diversität verlangen zu können. Die Idee, Diskriminierungen, Benachteiligungen und Ausgrenzungen mittels ritueller Aufwertungsbekundungen, Sprachvorschriften und Sonderrechten zu überwinden, erweist sich hierbei als Trugschluss. Das ist der abschließende Teil aus dem Essay „Ohne Angst verschieden sein!“, welcher mir sehr zusagt.  

Simon M. Ingold beschreibt das in seinem Feuilleton sehr treffend: „Wer nicht bereit ist, zuzuhören (oder: zuzusehen), andere Standpunkte anzuerkennen und davon zu lernen, kann auch nicht streiten –, und dann siegt nicht das beste Argument, sondern bloß die schrillste Stimme.“ () 

Ich glaube nicht, dass das die Welt ist, in der wir alle künftig leben wollen.

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