Zwei-Klassen-Gesellschaft

Wenn ich an die USA, die Vereinigten Staaten von Amerika, zeitlebens zurückdenke, dann kann ich sagen und betonen: ja, das Leben und Wirken der Menschen in den USA hat mich immer irgendwie tangiert, berührt, beeinflusst.  

Schon in jungen Jahren ereilt einen der Wunsch, einmal nach Amerika zu fahren. Wird anfangs noch viel mit Cowboys und Indianer assoziiert, sind es später die amerikanischen Filme, die Musik wie auch die Bilder eines Way of American Life, die einen beeinflussen und eine Ahnung dessen geben, was sich als Land der ungeahnten Möglichkeiten in den Köpfen eingebrannt hat. 

Menschen mit Behinderungen schauen gerne über den großen Teich. Schon 1990 unterzeichnete der damalige US-Präsident George Bush Senior eines der umfassenden Antidiskriminierungsgesetze der Welt für behinderte Menschen und zeichnet sich bis heute für ein hohes Maß an Barrierefreiheit aus. Viele Geschäfte, Hotels, Restaurants, Verkehrsmittel und öffentliche Gebäude sind weitgehend barrierefrei nutzbar.     

Auch für uns Gehörlosen gilt Amerika als das gelobte Land. Bis heute steht dort in Washington mit der Gallaudet University die erste und einzige Universität, die quasi den Gehörlosen “gehört” und in der die Gebärdensprache die “Amtssprache” ist. Es ist quasi der Traum eines jeden Gehörlosen, wenn nicht schon dort studiert zu haben, zumindest einmal auf dem Gelände dieser Universität gewesen zu sein. 

Ich erinnere mich noch an meine erste Begegnung mit Stefan Goldschmidt. Das war 1993. Über Freunde und Bekannte konnte ich erfahren, dass es einen deutschen Gehörlosen gibt, der dort studiert und ich wollte mehr darüber wissen. Ich konnte seine Adresse ausfindig machen und erwischte ihn just zum Zeitpunkt, als er gerade zu Hause in Wuppertal bei seinen Eltern zu Besuch war. Es war ein denkwürdiges Treffen, welches sich tief in mein Gedächtnis eingegraben hat! Stefan erzählte in den schillerndsten Farben von seinem Studium und auch vom Leben auf dem Campus der Gaullaudet University. Ich verspürte ein unstillbaren Drang, in Stefans Koffer zu schlüpfen und gleich mit zu gehen. Er hatte eine solche Begeisterungsfähigkeit, die war so ansteckend. Allein der Gedanke, dort pro Semester ca. 10.000 Dollar zu bezahlen hat mich allerdings abgeschreckt. Woher sollte ich soviel Geld als Student aufbringen? Stefan meinte halb im Scherz, halb im Ernst: “Ach, mach Dir deswegen keine Sorgen, da finden wir schon jemanden in den USA, der für ein solches Stipendium aufkommen wird. Du musst nur mit mir mitkommen.” Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen, so viel Unbekümmertheit, einfach nur in den Flieger setzen! Ich ging deshalb auf Nummer sicher und wollte zumindest in Deutschland ein Stipendium aufbringen. Dafür brauchte ich zwei Gutachten von meinen Professoren. Dieser Versuch scheiterte grandios. Beide Professoren sagten unisono, was soll das bringen? Nur weil ich gehörlos bin, will ich nach Amerika und dort studieren? Es gab von beiden keine Fürsprache und entsprechend keine Gutachten für ein Stipendium. Den Mut und Glauben, einfach nur in den Flieger zu steigen und es dort irgendwie richten zu lassen, den hatte ich nicht. So platzte dieser Traum. 

Zehn Jahre später holte mich die Geschichte wieder ein. Ich traf mit Thimo Kleyboldt und Knut Weinmeister auf zwei Menschen, die längere Zeit in den USA waren und von dort schwärmten, auch besonders davon, dass es dort Gehörlose gibt, die selbständig sind und eigene Firmen führten. Das inspirierte uns, das wollten wir in Deutschland auch. Es war die Geburtsstunde von Gebärdenwerk, heute eines der bekannten und renommierten Unternehmen, die von Gehörlosen gegründet und geführt werden.   

Einerseits hatten wir eigene Ideen und Vorstellungen, andererseits aber auch den innigen Wunsch, in die USA zu reisen und zu schauen, was machen die Amerikaner alles anders und neu, was wir in Europa nicht haben. So war es dann 2008 soweit. Knut und ich flogen für eine Woche in die Staaten. Zuerst nach Washington, dort endlich die Gaullaudet University anschauen. Knut hatte seine sichtliche Freude, mir alles zu zeigen, wo er selbst ein Jahr studiert hat. Ich war schon sehr vom Campus beeindruckt: Eine eigene Welt nur mit Gehörlosen. An jeder Ecke Gebärdensprache. Einfach Wahnsinn, das macht etwas mit einem. Knut traf dort alte Lehrer, wir bekamen Tipps, was wir tun könnten. Wir lernten Asha Rajashekhar kennen, die gerade dort als einzige Deutsche studierte, auch weitere Berühmtheiten liefen uns über den Weg. Wir haben dann auch Viable besucht, ein Unternehmen, dem John Yeh vorstand und der binnen weniger Jahre dieses Unternehmen zu einer Größe mit über 200 Mitarbeiter aufbaute. In den USA hatte er damals den Ruf weg, DER Unternehmer unter den Gehörlosen zu sein und war Vorbild für viele. Wir konnten unser Glück nicht fassen, dass er interessiert war, mit uns zu gebärden. Das Gespräch mit Yeh war so anders, als wir es von anderen Gehörlosen kannten. Er war Geschäftsmann pur, seine Fragen schnell, präzise und direkt. Richtig wohl fühlten wir uns in dem Gespräch nicht und es wurde schnell deutlich, dass wir in Europa andere Strukturen hatten, als Yeh sich das vorstellte. Wir haben dann eine weitere Zusammenarbeit nicht angestrebt. 

Neben den Besuch der Gaullaudet University hatten wir auch die Deaf Expo im Visier. Es handelt sich um eine Messe, die sich ungefähr 20 mal im Jahr ereignete und regional wanderte. Wir hatten uns die Deaf Expo in Austin, in Texas ausgesucht. Und waren tief beeindruckt. Über 70 lokale Aussteller. alle irgendwie mit Gebärdensprache, von kleinen Manufakturen bis hin zu den großen Telekommunikationsdienstleister waren alle dort vertreten. Auch der CIA hatte einen eigenen Stand und warb um gehörlose Mitarbeiter für seinen Geheimdienst. Joel Barish, der Veranstalter und weltbekannt für seine Reise-Bericht in seinem Video Blog, lief uns über den Weg und erzählte uns Einiges zur Geschichte von den Deaf Expo. Es kamen über 3.000 Gehörlose nur zu dieser Messe und wir sind auch mit vielen einfachen Gehörlosen ins Gespräch gekommen, die extra 300 KM gefahren sind, nur um bei diesem Ereignis dabei sein zu können. Wir haben uns viel mit ihnen unterhalten und Erstaunliches in Erfahrung bringen können. Denn uns fiel Eines auf: Warum gab es in Amerika auf den Webseiten fast keine Videos in Gebärdensprache, warum gab es keine Video Guides in den Museen? Das, was wir in Deutschland bereits hatten und wofür wir von Gebärdenwerk uns auch stark einsetzen. Das hat uns schon verblüfft. Waren wir diesbezüglich in Deutschland weiter? Wir konnten es kaum glauben. Die vielen Gesprächen gaben uns dann eine Erklärung für dieses Phänomen.  

Wenn Gehörlose über Amerika sprechen, dann meinen sie oft die Gaullaudet University und deren Absolventen. Rückblickend sehe ich, das ist die Elite der amerikanischen Gehörlosen und diese stellen vielleicht 5 % aller Gehörlosen in den USA dar. Diese sind sehr eloquent in der Gebärdensprache und gelten vielerorts als Vorbilder für die Deaf Community. Sie haben entsprechend auch einen großen Drang, es der hörenden Welt zu beweisen, dass sie sich bewähren und beweisen können und das schlägt sich in ihrem ‘Deaf Pride’ nieder. Sie sind auch stolz darin, gute Kompetenzen in der Schriftsprache zu haben. Entsprechend besteht hier wenig Interesse an Übersetzungen von Schriftsprache in die Gebärdensprache, weil es ja ihre Leistungen insgesamt schmälern würde. 

Ich kenne diese Aussage, allerdings von Funktionären der verbandspolitischen Arbeit hier in Deutschland. Als ich 2006 in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt die Aussage traf, dass es viele gehörlose Menschen gibt, die Schwierigkeiten mit der Schriftsprache haben, wurde ich von vielen Menschen, aber eben auch besonders von den Amtsträgern der Landesverbände und auch dem Deutschen Gehörlosen-Bund massiv angegriffen. Zum Einen stand der Vorwurf im Raum, ich würde ein neues Fass aufmachen und mit diesem Thema Gehörlose noch mehr stigmatisieren, weil sie dann quasi noch ein weiteres Behinderungsmerkmal haben (“es reicht, wenn man weiss, dass Gehörlose in der mündlichen Kommunikation Schwierigkeiten haben”).  Zum anderen war aber die Sorge bei den Funktionären groß, dass es auf sie zurückfallen würde, obwohl sie sich doch schadlos halten und gerade den Hörenden zeigen würden, wie “gut” sie sind. Wenn nun das Thema mit der mangelnden Schriftsprach-Kompetenz bei Gehörlosen auftaucht, würde das auch auf sie zurückfallen und sie könnten keine vernünftige politische Arbeit mehr machen, weil man sie ja für doof halten würde. Angesichts dieser Aussagen war ich schon verdattert. Um was geht es hier? Vertreten die Funktionäre die Interessen der Gehörlosen, von denen sie ja gewählt worden sind oder geht es um ihr ureigenstes Wohlempfinden? Bangten sie etwa um ein Bundesverdienstkreuz, was sie inbrünstig für ihre ehrenamtliches Engagement erhofften? Mein Hinweis, dass es nicht primär um die eigenen Interessen geht, sondern um die Mehrheit der Gehörlosen, von denen wir gewählt wurden und welche wir auch vertreten, wurde unflätig abgeschmettert. Ich musste viel Häme einstecken, es war keine leichte Zeit. 

In den USA traf ich nun auf ein ähnliches Phänomen. Die besser gestellten Gehörlosen, man kann schon sagen, die Elite, kümmerte sich mehr um die eigenen Interessen und das öffentlich dargestellte Bild als um das Wohl der anderen Gehörlosen, die keine höheren Abschlüsse machen konnten und draußen auf dem Land ein barrierereiches Leben hatten und um die sich offenbar niemand kümmerte. Ich war verblüfft und erlebe innerhalb der Deaf Community auch eine 2-Klassen-Gesellschaft. Das habe ich nicht für möglich gehalten, denn besonders die Deaf Community rühmt sich für ihre starke Einheit und hohe Solidarität untereinander. Es kam einem Kulturschock gleich und wurde durch diverse andere Ereignisse noch verstärkt. Das aber ist nun ein anderes Thema, was ich hier jetzt nicht weiter ausführen werde. 

Wenn ich nun zurückschaue, dann stelle ich fest, dass es nur sehr wenige Gehörlose gibt, die ihr eigenes Wohl den Interessen einer starken Gehörlosen-Gemeinschaft zurück stecken. Es sind nur wenige, die uneigennützig sich für die Gemeinschaft einsetzen und besonders die Bedürfnisse der Gehörlosen im Blick haben. Wenn ich Begriffe wie ‘Deaf Pride’, ‘Deaf Coda’ oder ‘Audismus’ lese oder erfahre, dann sträuben sich innerlich bei mir die Nackenhaare und ich balle in meinen Jackentaschen die Fäuste. Denn letztlich sind es Begriffe der Elite und eher Schlagworte Einzelner, die mehr dazu dienen, deren Egos zu befriedigen als Gehörlosen in ihren alltäglichen Problemen weiter zu helfen. Es fällt mir – gelinde gesagt – schwer, das so im Raum stehen zu lassen und zu akzeptieren. Ich erwarte schon von den besser gestellten Gehörlosen, dass sie mehr tun als sich in krude Theorien zu verlieren und große Gebärden schwingen. 

Tolle Sprüche oder ein moralischer Zeigefinger hat noch keinen Gehörlosen wirklich geholfen. Mein moralischer Kompaß sagt mir, dass man als im Leben besser Gestellter sein Glück mit anderen teilen sollte, so dass es allen Gehörlosen besser geht. Erst dadurch bildet sich eine echte Solidargemeinschaft heraus und kann sich als starke Gemeinschaft dann auch besser für ihre Bedürfnisse ein- und durchsetzen. Das Teilen und Kümmern macht aus den besser Gestellten wahre Größen aus ihnen und eine Elite, zu denen wir dann gerne hochschauen.  

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