Standardisierung = Anpassungszwang

Bei meiner Vorbereitung für meine Reise nach Scarborough, einer wunderschönen Stadt an der ostenglischen Küste, bemerkte ich, wie sich Reisen verändert hat. Mein Kopf schwirrte ob der vielen Maßnahmen, was Corona anging. Aber auch den BREXIT musste ich mir vor Augen nehmen, denn eine Reise nach Großbritannien wird künftig anders werden. Einfach nur mal schnell den Koffer packen, das ist nicht mehr. Es sind viele neue Dinge zu beachten, es macht das Reisen beschwerlicher und eine gewisse Leichtigkeit beim Packen fehlte mir dieses Mal. Bei meinen Recherchen zur Vorbereitung fiel mir glücklicherweise noch ein, dass auch die Stromadapter anders sind und ich einen separaten Adapter für meine technische Geräte brauchte, um sie aufladen zu können. Ich war schon erleichtert, dass die Stromstärke mit unserem System gleich war, denn dann hätte ein Steckeraufsatz mir auch nicht mehr genutzt. In meiner Reisebox, die ich schon viele Jahre halte und alles Mögliche für weite Reisen auf bewahre, bin ich über vielzählige Adapter gestolpert und dachte nach. Diese Adapter hatte ich in den letzten 20 Jahren nur gebraucht, wenn ich in die USA fliegen musste, ansonsten brauchte ich das gar und meine bessere Hälfte hat schon mal über meine Reisebox geschmunzelt. “Was für ein Krimskram bewahrst Du denn da alles nur auf?!”. Und nun Großbritannien. Einerseits gehört Großbritannien zur EU, andererseits hat es sein Eigenleben. Siehe eben der bevorstehende Brexit oder eben diese anderen Stecker. Standardisierung ist eben doch schon eine feine Sache. 

Und wieder hielt ich inne, meine grauen Zellen rauchten. Wie ist das nun mit Standards und Normen? Auch bei uns, auf unseren Arbeitsmarkt, bei Menschen mit Behinderungen? Das Bundesstatistikamt sagt uns, wie der durchschnittliche Mensch ist oder zu sein hat, und die DIN-Normen sagen uns, wie Dinge zu sein haben. Siehe auch die Stromadapter. Es ist eine Folge von logischer Effizienz, man muss nicht nachdenken, passt überall. 

Diese durchgreifende Standardisierung lässt allerdings wenig Platz für rechts oder links und lässt uns glauben, dass wir so effizienter arbeiten und leben können. Wenn wir von den Dingen zu den Menschen übergehen, dann wird dabei aber übersehen, dass viele Menschen aus diesem Raster herausfallen. Man spricht dann von einem „Kollateralschaden“ und nimmt in Kauf, dass 20–30 % der Menschen in Deutschland am Rande der Gesellschaft leben. Es führt auch dazu, dass das „Anderssein“ bislang in Deutschland einen schwierigen Stand hat und von jedem Bürger hierzulande erwartet wird, dass er sich diesem Anpassungszwang unterwirft, wenn er in unserer Gesellschaft gleichberechtigt leben will. 

Mit dieser Haltung oder genauer: Ökonomisierung beraubt sich Deutschland langfristig seiner Zukunft. Wir sind dabei, eine überalterte Gesellschaft zu werden und uns gehen dadurch die Arbeitskräfte aus. Es wird von unbesetzten Stellen und über ein Fachkräfte-Mangel gesprochen. Wir kommen allmählich in die Situation, hier umdenken zu müssen. Unser demografisches Modell erlaubt es uns nicht mehr, den Anpassungszwang stringent durchzuhalten. Wir müssen uns langsam den Rändern unserer Gesellschaft zuwenden und uns dem Anderssein, einer gewissen Vielfalt öffnen, wollen wir Deutschland langfristig nicht an die Wand fahren. 

Das bedeutet auch, wir müssen unseren Umgang und unsere Einstellung gegenüber behinderten Menschen ändern und überlegen, wie wir sie als vollwertige Arbeitskräfte bei uns einbinden können, d.h., es gilt künftig die Frage zu lösen, wie wir die Arbeitsplätze an die Menschen anpassen können, damit diese leistungsfähig sind. Das alte Prinzip des Taylorismus, das besagt, wie sich die Menschen an den Arbeitsplatz anzupassen haben, damit eine rein ökonomische Effizienz herrscht, hat ausgedient. 

Alles das, was ich hier ausführe, klingt natürlich sehr theoretisch, das kann man locker so daher sagen. Ich will am Beispiel meines Unternehmens, der Gebärdenwerk GmbH, zeigen, was ich damit konkret meine. Als wir vor 18 Jahren angefangen haben, gab es viele Bereiche und Qualifikationen nicht, die wir für Übersetzungsleistungen gebraucht haben. Vieles haben wir in unserem Unternehmen neu entwickelt, haben wir uns angeeignet. Wir kamen aus unterschiedlichen Berufen, teils auch aus völlig fachfremden Bereichen. Was uns geeint hat: unsere Sprache, die Gebärdensprache, und die Visionen dahingehend, dass wir Dienstleistungen, Produkte für die Gehörlosen und für die Gebärdensprache brauchen. Entsprechend haben wir geschaut, was bei den Gehörlosen vorhanden ist, was sie können, was nicht. Das galt auch für die hörenden Mitarbeiter, die wir eingestellt haben. Wichtig war, dass wir alle in der Gebärdensprache kommunizieren. Eine verkehrte Welt.

In diesem Zusammenhang haben wir dann auch geschaut, was können wir leisten, was müssen wir leisten für unsere Kunden. Manchmal versuchen wir auch an den Anforderungen der Kunden zu schrauben, weil sie oft keine konkrete Vorstellung davon haben, was Gehörlose wirklich benötigen. Wir haben unsere Kunden dahingehend beraten und dafür gesorgt, dass sie auch wirklich die Zielgruppe der gehörlosen Menschen erreichen können. Es ist eine andere Sichtweise nötig, um das leisten zu können. Die Anpassungsleistung an die gehörlosen Mitarbeiter führte also auch dazu, die Anforderungen der Kunden zu verändern und anzupassen. 

Es klingt ein wenig verrückt, vor allem wenn man bedenkt, dass viele Menschen im Service-Bereich dazu angehalten werden, den Kunden als König zu behandeln. Bei uns hat dieses Prinzip aus guten Gründen Grenzen. Es kann in letzter Konsequenz auch dazu führen, dass wir bestimmte Aufträge nicht annehmen, weil wir die Sinnhaftigkeit eines Auftrages nicht erkennen. Unabhängig davon, dass wir bestimmte Anpassungsleistungen von seiten unserer Kunden erwarten, sind wir als Unternehmen trotzdem ins große Geflecht der Wirtschaft eingebunden und können nicht allem „entfliehen“. So sind wir bspw. bei der Kommunikation mit der Außenwelt auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen und bekommen auch Zuschüsse vom Integrationsamt, um das bewerkstelligen zu können. 

Was ich hier sehr banal schildere, ist aber nicht ganz so einfach zu bekommen, auch wenn das gerne suggeriert wird. Das Antragsverfahren mag noch einfach sein, aber wenn es dann um die Nachweise geht, z. B. zur Berechtigung einer bestimmten Leistung, dann führt das oft auch hin zu einer Diskussion der Sinnhaftigkeit. Und dann sind wir wieder an der Stelle, die ich oben schon beschrieben habe. Es liegt dann im Auge des Betrachters, ob eine Förderung erfolgt. Das gilt besonders für unseren Bereich, weil wir fast alles komplett neu aufgebaut haben und es so gut wie keine Vergleichsmöglichkeiten gab, an denen sich bspw. das Integrationsamt, die Bundesagentur für Arbeit oder auch die Banken orientieren konnten. Gerade in der Startphase, in der man an tausend andere Sachen denken muss, war die Bürokratie nicht sehr förderlich. 

Lange Zeit hingen wir in der Luft und wussten nicht, ob unsere Gebärdensprach-Dolmetscher auch wirklich bezahlt werden. Diese finanzielle Unsicherheit gerade in der Anfangsphase nagt an den Nerven, weil damit fast alles steht und fällt. In diesem Zusammenhang habe ich zuweilen schon zu spüren bekommen, dass es außerhalb des Vorstellungsrahmens lag, dass behinderte Menschen sich selbstständig machen. Würde man von einem Unternehmen angestellt werden, dann bekäme das Unternehmen satte Zuschüsse für diese Anstellung. Der gleiche Mensch aber, der sich selbstständig macht, bekommt diese finanzielle Zuwendung nicht.

Dazu passt auch das Modell des Integrationsunternehmens. Fast witzig mutete in der Anfangsphase der Gedanke einer Gründung als Integrationsunternehmen an. Wir waren drei Gehörlose, die gründen wollten. Nach den gesetzlichen Vorgaben, die besagten, dass mindestens 25 %, aber höchstens 50 % behinderte Menschen in einem Integrationsunternehmen tätig sein können, hätten wir erst mal drei nichtbehinderte Menschen einstellen müssen, um Förderungen als Integrationsunternehmen zu erhalten.

Ich kenne weitere Beispiele, die alle zeigen, dass man unterstellt, dass immer Nichtbehinderte „zum Wohle behinderter Menschen“ gründen, aber nicht umgekehrt. So verwundert es dann auch nicht mehr, wenn man bei der Kundenakquise mit der Frage konfrontiert wird, wieso man denn als behinderter Mensch noch Geld wolle, schließlich bekämen doch alle Behinderten staatliche Alimente.

Alle diese hier aufgeführte Beispiele zeigen, wohin eine Normierung oder Standardisierung führen kann. Es wird ausschließlich auf die große Zahl geschaut und der Rest wird dann passend gemacht (oder hat “Pech” gehabt, fällt durch das Raster). Eine Tür in Deutschland ist 196 cm hoch und 81 cm breit. Da muss jeder durch. Wer etwas rundlicher ist oder größer, muss selbst sehen, wie er durch die Tür kommt. Oder bleibt außen vor. Die Tür symbolisiert, wie die Ökonomisierung unser Leben bestimmt und wer in unserer Gesellschaft dazu gehören darf und wer nicht. Diese Haltung führt dazu, wie wir mit Menschen umgehen, die anders sind und sich nicht anpassen: Sie fallen raus, sie können nicht in unserer Gesellschaft leben. Diese Haltung zeigt aber auch, wie wir sonst mit unseren Ressourcen, die unsere Erde gegeben hat, umgehen. Während bspw. Menschen mit Behinderungen sich offenbar nicht ausreichend sichtbar machen können, fängt unsere Erde an sich gegen den ökonomisierten Menschen zu wehren, in Form von immer mehr sich häufenden Naturkatastrophen und will ihn abschütteln. Es ist an der Zeit sich zu besinnen, ob wir so wirklich weiterleben können und wollen – im Verhältnis zur Natur und auch im Verhältnis der Menschen untereinander.    

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