“Man SIEHT nur mit dem Herzen gut!”

Ich gebe es zu. Ich bin verliebt. Schon lange. In ein kleines, blondes, wuscheliges Wesen. Diese blauen Augen. Der Mund. Was soll ich da noch sagen? Wenn sich dieser Mund öffnet …. Haaaach! Diese Worte, die dem Mund entgleiten. Welche einfache und klare Botschaften hier entweichen, welche Klugheit diese Worte ummanteln. Ich sauge alles auf. Jede Kleinigkeit. Jedes Wort könnte wichtig sein. Und dann prallt doch mit voller Wucht der Satz in den Raum, er brennt sich in Dein Gehirn ein. “Man sieht nur mit dem Herzen gut …” Welch ein Satz, was eine Kraft und Leidenschaft sich hier entfaltet. Wahnsinn! Es ist der kleine Prinz, der das sagt und den ich so abgöttisch für seine Weisheiten liebe.

Geschaffen wurde der kleine Prinz von dem französischen Dichter Antoine de Saint-Exupéry, dem leider nur ein kurzes Leben bescheid, denn welche Werke hätten seiner Feder noch entspringen können. So bleibt der kleine Prinz nahezu sein einziges Vermächtnis. Wenn ich nur seinen Namen lese oder daran denke, dann habe ich ein so schönes wohliges Gefühl im Bauch, das kribbelt, so viel bewirken diese Worte aus seinem Buch.

Diese Tage aber fühlte ich mehr einen derben Faustschlag in meine wohlige Magengrube. Tief eingrabend und wühlend. Von mehreren Seiten prasselt es auf einen ein. In der Gehörlosen-Community kann man “es” fast nicht entgehen, wir werden mit Werbebotschaften überschwemmt. Ein neues Buch soll demnächst im November erscheinen. Es soll um Gehörlose und Gebärdensprache gehen. Mit dem scheinbar wohlklingenden Titel “Man hört nur mit dem Herzen gut”. Wie bitte? Ich glaube, ich “höre” nicht richtig. Ein Buch über Gehörlose und Gebärdensprache und ganz vorne als Titel prangert das Wort HÖREN?

Gehörlose sind Augenmenschen und der visuelle Aspekt steht bei uns im Leben ganz vorne, das gilt auch besonders für die Gebärdensprache. Hören ist aus Sicht gehörloser Menschen überbewertet und entsprechend kein wesentlicher Aspekt, dem wir nachtrauern. Hier spricht man in Fachkreisen von Audismus, wenn man Gehörlose als bemitleidenswerte Menschen betrachtet, weil sie nicht Hören können. Die Fokussierung der Kommunikation nur über das Ohr und dem Hören ist einseitig und übersieht andere vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten, wie eben z.B. die Kommunikation mittels der Gebärdensprache. In Anbetracht dieser Lebens- und Denkart würde sich kein Gehörloser einen solchen Titel ausdenken.

Die Auswahl eines solchen Titels kann also nur einer hörenden Person entspringen. Es ist zudem ein Titel, der einem sofort ins Auge springt. Die Assoziation mit dem Herzen ist eine sehr emotionale Ansprache, von der man weiß, dass sie viele Menschen berührt. Es hat viel mit Zuneigung, Liebe und Leben zu tun. Geht man einen Schritt weiter, scheint die zufällige Ähnlichkeit zu dem Satz von Saint Exupéry und die Anlehnung an den kleinen Prinzen nicht von ungefähr zu sein.

Fasst man das zusammen, haben sich hier Marketing-Experten zusammen getan, und überlegt, wie man eine gewollte Assoziation schaffen kann, die in Verbindung mit Hören, Herzen zu tun hat, um damit die Verkaufszahlen des Buches hoch zu treiben und ist da auf den Ausspruch von dem kleinen Prinzen gestoßen. Es ist wirklich zu offensichtlich, wie man versucht, Altbekanntes mit der Mitleidsschiene zu verbinden. Saint Exupéry würde sich im Grabe umdrehen, würde er von diesem billigen Marketing-Trick erfahren.

Im Kontext dieser Überlegungen hier beim Schreiben habe ich mich gefragt, warum Saint Exupéry das Sehen – und nicht das Hören – mit dem Herzen verbunden hat. Hier muss man ein wenig weiter gehen. Der vollständige Satz heißt “Man sieht nur mit dem Herzen gut, denn das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar” und zielt darauf ab, dass man mit den Augen nicht alles auf den ersten Blick erkennen kann. Das gilt insbesondere für eine äußere, gepflegte Person (hier beim Kleinen Prinzen ist es die Rose), die nach außen hin wunderbar anzusehen ist. Mit den Augen kann man sich von der Schönheit verlocken lassen, aber man erfährt so nichts über die inneren Werte oder dem Charakter eines Menschens.

Ein gutes Beispiel dazu ist eine beeindruckende Aussage von der jungen und mittlerweile sehr bekannten Umwelt-Aktivistin Greta Thunberg. Sie sagte: „Wenn Hater es auf dein Aussehen und dein Anderssein abgesehen haben, bedeutet das, dass sie sonst keine Argumente haben. […]. Ich habe das Asperger-Syndrom, und das bedeutet, dass ich manchmal ein wenig anders bin als die Norm. Anders zu sein ist, unter den richtigen Umständen, eine Superkraft.“ Greta hat schon mit ihren 16 Jahren eine solche Erkenntnis. Es zeigt ihren starken Charakter. Es zeigt auch, wie wichtig das Anderssein sein kann. Denn offenbar bringt das besondere Merkmale oder Eigenschaften hervor, die für die Menschheit eine Bereicherung darstellen.

Das ist es auch, was ich von uns gehörlose Menschen sagen kann. Wir haben durch die Gebärdensprache ein besonderes Merkmal, das das Bindeglied aller gehörlosen Menschen weltweit ist und auch eine einzigartige Kultur und weitere Besonderheiten hervor bringt, die eine Bereicherung darstellen können. Insofern bin ich froh und glücklich über jeden Pressebericht oder sogar Buch, welches daher über die Kultur und Sprache von uns Gehörlosen berichtet.

Ich wäre es auch gerne, was das hier genannte Buch angeht, aber ich hege erhebliche Zweifel. Denn wenn ich den Klappentext dazu lese, dreht sich bei mir alles, aber wirklich alles in mir und es erinnert mich an einigen Szenen und Begebenheiten, die ich zu der RTL-Show ‘Let’s Dance’ mit bekommen habe. Das fängt an mit den vielen kleinen viralen Videos, die ich über diverse Social Media-Kanäle zugespielt bekommen habe und die uns Gehörlose auffordert, wir mögen doch unbedingt dem gehörlosen Kandidaten in der Show unsere Stimme geben. Es geht weiter mit diesen jämmerlichen, mitleiderregenden Geschichten zu seiner Gehörlosigkeit und seinen unendlichen, krampfhaften Verweise, wie schwer dadurch sein Leben ist. In einem Ausschnitt gebärdet er auch davon, dass er quasi einer “doppelte Hilflosigkeit” unterliegt, als er nicht so gut tanzte. In diesem Kontext hat besonders Oliver Pocher darauf verwiesen, dass ihm „diese Ausreden […] einfach auf den Sack [gehen].” Er spitzte das Thema zu, in dem er die Frage stellte: „Was darf man machen, nur weil er gehörlos ist?“. Beim Finale setzte Oliver Pocher dann einen Tweet ab, der lautete: „Es wird einer der Männer werden. Am Ende werden die Mitleidspunkte für Benjamin vs. die Sympathiepunkte für Pascal entscheiden“. Es gab in diesem Zusammenhang viel Kritiken an Oliver Pocher. Zu Unrecht, finde ich. Denn Oliver Pocher hat auch gegen Kassandra Wedel getanzt und da war er nicht ausfallend ihr gegenüber. Was also war da anders?

Wenn man sich das Tanzformat anschaut, dann dachte man bei RTL wohl, ein Blick über den großen Teich reicht aus, und man könne den in den USA sehr erfolgreichen Nyle DiMarco kopieren, in dem man auf einen vom Körper her gut aussehenden Gehörlosen in Deutschland setzt. Was man unterschätzt hat: Nyle DiMarco besticht nicht nur mit seinem Äußeren, sondern auch mit exzellenten Aussagen außerhalb des Fernseh-Formates. Anhand dieser Aussagen konnte man erkennen, dass er ein wichtiger Teil der Gehörlosen-Community ist und er scheut sich auch nicht, Kritik an gesellschaftliche Normen und Diskriminierungen zu äußern. Man merkt ihm an, dass es ihm nicht alleine ums Gefallen geht, sondern dass er seine Auftritte auch nutzt, um politische Akzente zu setzen.

Ich weiss nicht, ob ich mehr heulen oder lachen soll, wenn ich lese, dass Benjamin Piwko “viel mehr über seine Mitmenschen als Hörende” weiß und zeigen will, “wie wir mit Aufmerksamkeit und Empathie einander besser verstehen und lesen können.” Wenn er damit Werte aus der Deaf-Community meint, weiß ich nicht, wie er das vermitteln will, da er nicht Teil unserer Community ist. Er ist nicht in der Gehörlosen-Community verankert, lässt sich nicht bei uns bei diversen Veranstaltung sehen. “Gehörlos” ist für ihn offenbar nur dann gut, wenn es ihm nützt. Das scheint offenbar auch der grundsätzliche Tenor beim Management-Team von Piwko zu sein, welches mittels der Mitleid-Masche versucht, kommerziell erfolgreich zu sein. Der Versuch ist so offensichtlich. Schade. Denn er erweist uns Gehörlosen mit dieser Masche einen Bärendienst, da wir als Deaf-Community raus aus der Kiste der Bemitleidungen und als Bereicherung der menschlichen Gesellschaft wahrgenommen werden wollen.

Menschen wie Nyle DiMarco oder der neu gewählte Präsident Dr. Joseph Murray vom Weltverband der Gehörlosen (WFD) mit seinem Deaf Gain-Konzept bringen unsere Deaf Community weiter, weil sie – so wie die UN-Behindertenrecht-Kovention das fordert – das Fürsorge-Modell ablehnen und auf die bereichernde Vielfalt der Menschen setzen, nicht auf das reine Mitleid oder oberflächliche Schönheitsideale unserer Mitmenschen.

Empowerment, Selbstbestimmung, die Vorteile, die eine Deaf Community mit ihre visuellen Kommunikation hervor bringt, das sind wesentliche Elemente, die Stärke und Unabhängigkeit schaffen. Es sind die Werte, die Saint-Exupéry mit den Worten “Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar” anmahnt und die Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft anprangert. In der Figur des kleinen Prinzen zeigt er sehr eindringlich und anschaulich, wie Liebe und Empathie funktioniert. Kein Wunder, dass ich so verliebt bin!

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