Unsere liebe Eltern ….

Neulich fragte mich ein enger Freund, was man denn unter dem Wort “Laissez faire” verstehen könne. Ich antworte ihm, dass es aus dem Französischen käme und so etwa wie „machen lassen“ bedeutet. Das bedeutet im Bereich der Wirtschaft, aber auch Politik, dass man sich darauf zurückzieht, lediglich Rahmen vorzugeben und als Unternehmer oder Politiker möglichst wenig eingreift, so dass die Teilnehmer dann selbst untereinander regulieren. Diese Form wird oft auch als liberal bezeichnet.

Sicherheitshalber habe ich aber selbst noch einmal im großen weiten, Internet nachgeschaut, ob ich damit richtig liege und festgestellt, dass meine Antwort so schon stimmt. Ich hätte aber auch ergänzen können, dass es auch in der Kindererziehung eine solches Geisteshaltung gibt. Wenn man dann allerdings unter ‘liberale Kindererziehung’ googelt, kann man unendlich viele Hinweise nachgehen (u.a. dass anti-autoritär etwas anderes ist) und ist hinterher ratloser als zuvor ob der vielen Handlungsempfehlungen und Tipps zur Kindererziehung.

Ich bin selbst Vater dreier Kinder und manchmal auch ratlos, ob ich gerade das Richtige tue. Es sagt sich einfach, folge deiner Intuition, deinem Bauch. Ich habe das Glück, in meinem Umfeld viele andere gehörlose Freunde zu haben, die in einer ähnlicher Situation wie ich sind und wir haben in Hamburg mit KIGEL einen Verein, ein Zusammenschluss von gehörlosen Eltern mit Kindern. Hier kann ich fragen und bekomme auch hilfreiche Antworten. Anfänglich waren es nur gehörlose Eltern, nun kommen auch vermehrt hörende Eltern dazu und sie lernen dabei auch die Gebärdensprache.

Ein wichtiger Schritt! Ich sage das auch im dem Kontext, da ich inzwischen hinlänglich viele hörende Eltern von meinen gehörlosen Freunden, aber auch durch mein Amt als Vorsitzender beim Gehörlosenverband Hamburg wie auch bei der ‘Gesellschaft zur Förderung Gehörloser in Hamburg’ kennengelernt habe. Hier stelle ich fest, dass zwei wesentliche Kernthemen im Raum stehen:

  1. Wen kann ich fragen, wenn es um mein gehörloses Kind geht? Ich bin / war oft alleine auf mich gestellt ….
  2. Es ist eine große Angst da, dass ich mein gehörloses Kind verlieren werde, da ich seine Kommunikation nicht beherrsche und es mir fremd wird.

Auch heute ist es nicht einfach, andere Eltern zu finden, die auch ein gehörloses Kind haben. Man kann im Internet allmählich Kontakte finden, aber meist sind diese weit weg. Und meist können die einem auch nicht helfen bei der schwerwiegenden Frage, welchen Weg ich gehen soll: Cochlear Implantat oder Gebärdensprache?

Moderne und interessierte Eltern eint alle das Ziel, dass sie Kinder großziehen wollen, die möglichst frei und selbstbestimmt leben können. Mit der plötzlichen Konfrontation, ein behindertes oder im speziellen Fall ein kommunikationsbehindertes Kind zu haben, sind viele erst einmal überfordert und ihr gesamtes bisheriges Weltbild stellt sich förmlich von einem Tag auf den Anderen auf den Kopf.

Gute Ratgeber sind rar. Betroffene Personen, wie gehörlose Erwachsene sind schwer zu erreichen – der erste Kontakt sind meist Mediziner, die die Diagnose stellen und auf Basis des hippokratischen Eides sich einer vollständigen Heilung unterwerfen, so dass eine von der Technik unterstütze auditiv-verbale Erziehung im Vordergrund steht. Die These dahinter ist, dass ein effektives Sprech-, Hör- und allgemeines Kommunikationstraining eine sozialen Integration und die berufliche Eingliederung gewährleisten soll.

Eine andere Sichtweise kommt dagegen weniger zum Tragen: Die „bilinguale Erziehung“, bei der sowohl Gebärdensprache als auch Lautsprache eingesetzt wird. Aus Sicht der Gehörlosenselbsthilfeverbände sei dies der optimale Weg zu einem selbstbestimmten Leben.

Hinter diesen beiden Ausrichtungen in der Gehörlosenpädagogik schwelt ein ein jahrhundertealter Streit um die “richtige” Methode, ob nun gehörlose Kinder lautsprach- oder gebärdenorientiert erzogen werden sollen. Auftrieb bekommt das bilinguale Modell in den letzten Jahren, weil Erkenntnisse aus den 1960er in den USA und seit den 1980er Jahren in Deutschland dazu führen, die Gebärdensprache als vollwertige Sprache anzuerkennen und auch die Zugehörigkeit zu zu einer kulturellen Einheit erklären.

Hörende Eltern werden hier zwischen beiden Ansätzen zerrieben und müssen sich zu einem dieser Modelle bekennen. Jahrhundertelang galt das Mantra, wenn ein Kind lautsprachlich aufgezogen wird, dann soll es keine Gebärdensprache nutzen, denn dieser Einfluss wäre schädlich auf das Sprache lernen. In den letzten Jahren weicht sich dieser Entweder-Oder-Ansatz auf, es vermehrt sich die Kenntnis, dass sowohl-als-auch der bessere Weg ist. Noch aber gibt es viele Mediziner, die sich dem medizinische Eid verpflichtet fühlen, wie auch weitere Dienstleister um das Thema Hören, so dass in dortigen Kreisen Gebärdensprache als Option noch keine Lösung darstellt, auch weil sie diese nicht kennen und ihnen das auch in deren Ausbildungsgängen verwehrt wird.

Der weltbekannte Pädagoge Paddy Ladd greift dieses Thema auf und spricht von einer „Kolonisierung“ der Gehörlosen durch die Hörenden. Dieser Betrachtungsweise nach gelten gehörlose Menschen als hilflose, passive Opfer und müssen dem Widerstand entgegenzusetzen, um sich dieser Kolonisierung zu wehren. Aus dieser SIchtweise heraus können in diesem Prozess Hörende als Verbündete („Allies“) gehörloser Menschen gelten, wenn sie das Taubsein nicht als Behinderung betrachten.

Dieser Ansatz stellt eine radikale Betrachtungsweise dar und regt zum Nachdenken und auch Überdenken bisheriger Positionen an. Paddy Ladd findet in der Gehörlosen-Community viel Anklang, da Gehörlose sich in der Regel nicht in die hörende Welt integriert fühlen und die hörende Gesellschaft als Isolation erleben. Für Hörende mag eine solche Sichtweise verständlich erscheinen und doch wirkt sie befremdlich. Hörende Eltern von gehörlosen Kindern macht sie auch Angst. Angst, ihr Kind an eine Gemeinschaft zu verlieren, deren Kulturen und Sitten ihnen fremd sind und zu denen sie als Hörende keinen wirklichen Zugang finden. Selbst wenn sie die Gebärdensprache erlernen, werden sie selten das Niveau von Muttersprachler erklimmen und “Hörende” bleiben, so dass ihnen auch ein wirklicher Zugang zur der gehörlosen Welt verwehrt bleibt. Es ist also kein Wunder, wenn eine solche Darstellung für hörende Eltern keine realistische Option darstellt.

Die Vorstellung, das eigene Kind zu “verlieren”, führt dazu, es um so mehr in bestimmte Bahnen zu “lenken”, damit es “erhalten” bleibt. Man unternimmt zum Teil unmenschliche Anstrengungen, um das Kind in der eigenen Obhut behalten zu können, grenzt es von bestimmten Teilen der Gesellschaft ab, hier die Gehörlosen-Community. Anstatt das Kind an einem selbstbestimmten Leben heranzuführen, fängt man nun an, es zu versorgen, es nach allen Regeln der Kunst zu bemuttern, um zu zeigen, wie gut es in der eigenen Obhut hat. Es erscheint verständlich, es mag menschlich klingen und doch ist es eine unreiflich getroffene Entscheidung.

Denn ein gänzliches Abtrennen ist nicht möglich. Früher oder später, irgendwann kommen gehörlose Kinder doch mit anderen Gehörlosen in Kontakt. Spätestens in der Pubertät beginnt der Prozess der Selbstfindung und damit auch der Abnabelung. Dieser Prozess wird umso heftiger, wenn das Kind das Gefühl bekommt, man hat ihm hier etwas vorenthalten. Eine verstärkte Fürsorge seitens der Eltern hinterlässt auch das unterschwellige Gefühl, man ist immer in der unterlegenen Rolle, kann nie wirklich auf gleicher Augenhöhe kommunizieren. Diese verstärkte Abhängigkeit führt umso mehr zu einem Bestreben der Abnabelung und Hinwendung der Gehörlosen-Community – das was eigentlich von hörenden Eltern am Anfang vermieden werden wollte. Sie wollten weitestgehend “normale” Kinder und stellen am Ende fest, gehörlose Kinder sind es nicht, sie sind doch “anders”. Es ist ein unschönes, ein befremdliches Gefühl.

Aber auch aus Sicht der Gehörlosen-Community entsteht ein Dilemma: Die oft heftige Abnabelung der gehörlosen Kindern zu ihren Eltern führt auch dazu, dass die Eltern “verloren” gehen! Das klingt jetzt merkwürdig. Ich beobachte in meiner Funktion als Vorsitzender, dass viele Gehörlose Eltern haben, die eine gute gesellschaftliche Stellung innehalten, besonders die modernen und aktiven Eltern, die sich im Vorfeld ihrer viele Gedanken bereitet haben und aktiv an gesellschaftlichen Themen mitarbeiten. Sie von uns als Gehörlosen-Community nicht aktiv mit eingebunden und so können wir nicht auf ihre Expertise zurückgreifen und sie nicht für uns als wichtige Multiplikatoren gewinnen.

Gerade das aber ist in der heutigen Zeit mit der Vernetzung von tiefgreifenden gesellschaftlichen Schichten so wichtig. Kleine Gruppierungen oder auch Minderheiten sind zwingend auf solche Vernetzungen angewiesen, wenn sie an Bedeutung gewinnen wollen. Das gilt umso mehr auch für die Gehörlosen-Community, wenn sie eine breite Anerkennung der Gebärdensprache und ihren Kulturstatus in der Gesellschaft erzielen will. Es ist an der Zeit, dass die Gehörlosen-Community sich öffnet und sich der hörenden Gesellschaft zeigt und auf Augenhöhe begegnet. Denn die Sprache und auch Kultur der Gehörlosen hat einer hörenden Gesellschaft viel zu geben. Dieses Bewusstsein fehlt noch bei vielen Menschen auf beiden Seiten. Es ist ein zartes Pflänzchen, das sich nun langsam seinen Weg an das Sonnenlicht bahnt ….

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