Träume …

sind die Essenz des Lebens. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen!

Gerade sitze ich im Flugzeug, auf den Weg von Hamburg nach Genf – und schwebe hoch oben, das hellweiße Wolkenmeer unten, das strahlende Blau oben und die Sonne lacht irgendwo dazwischen. Wenn ich aus dem Bullauge des Flugzeuges luge, spüre ich diese majestätische Ruhe und kann mich richtig gut entspannen. Es ist diese Schwerelosigkeit, die endlose Weite des Raumes, die kräftigen Farben, die dieses Gefühl von Entspannung vermitteln. Die Vorstellung, frei wie ein kleiner Vogel, schwebend in einem dreidimensionalen Raum, die Dinge von oben betrachtend sich nähern zu können, wenn man mag. Dazu kommt der durch die Geschwindigkeit erzeugte leise säuselnde Windhauch auf der Haut … es ist ein gigantisches Gefühl, ein süchtig machendes.

Dieses Gefühl begleitet mich schon von klein auf. Schon sehr früh bin ich mit meinen Eltern mit Flugzeugen unterwegs gewesen, und es lässt mich bis heute nicht los. Es geht so weit, selbst fliegen zu wollen, selbst die Gewalt über ein solches Fluggerät inne zu haben. Denn Fallschirmspringen – das wäre eine Option – würde mir nur bedingt reichen, da es ja nur abwärts geht und man nur zu einem gewissen Grad das Fliegen direkt steuern kann. Ich gebe zu, es ist eine Vorstellung. Denn ich kenne es nicht, war nie Fallschirmspringen. Die Faszination ist mehr, selbstbestimmt ein Gerät zu haben und durch die Lüfte zu segeln und zu bestimmen, wo man irgendwann herunter kommt und damit auch Gegenden erreichen kann, die andere so nicht kennen. Ein eigener Ultraleicht-Flieger, das wäre ein Traum, das würde mir hier schon ausreichen.

Aber alleine das und hier im deutschen Lande – als Gehörloser bekommt man gesagt, dass es nicht möglich ist. Man muss funken und damit hören können. Es ist eine zwingende Voraussetzung, um einen Flugschein zu bekommen. Ohne diese Lizenz darfst du hierzulande nicht fliegen. Es hilft mir da auch nicht das Wissen, dass es in Kanada einen gehörlosen Postflieger gibt, der tagein, tagaus dieselbe Strecke fliegt (keine Abweichung!). Es hilft mir auch nicht, dass es in Frankreich einen Verein von Gehörlosen gibt, die das Fliegen lernen und durchsetzen wollen.

Beim Segeln ist das ähnlich. Auch hier muss man funken, also hören können, und so können Gehörlose zwar einen Segelführerschein erwerben, dürfen aber nur in Begleitung von Hörenden mit dem Segelboot fahren. Ich sage nur: Schwachsinn! Denn wieder platzt ein Traum vieler gehörloser Menschen, weil wir scheinbar ein Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft darstellen und da das Allgemeinwohl dem individuellen Bedürfnis Vorrang hat, sind solche Träume dann mehr Schäume für uns. Immerhin, könnte man sagen, wir dürfen Auto und auch Motorrad fahren. Ich schreibe das, weil es durchaus noch Menschen gibt, die das fragen und nicht glauben können. Es gibt sogar noch Länder, in denen Gehörlose nicht mal das dürfen.

Nicht nur im privaten Bereich, auch in vielen anderen Situationen wird einem als gehörlosem Menschen das Träumen genommen. Eltern werden von Medizinern ermahnt, nicht zu hohe Erwartungen in ihre gehörlosen Kinder zu setzen. Lehrer sagen gehörlosen Kindern, was sie alles nicht schaffen können. Schon während der Schule wird aufgezeigt, welche wenigen möglichen Berufe Gehörlosen offenstehen, zumeist in handwerklichen Berufen, möglichst mit wenig Kommunikation. Später im Beruf bescheinigt dir dein Chef eine hohe Kompetenz in deinen Fähigkeiten und Fertigkeiten, vermeidet aber den direkten Kontakt von dir zu den Kunden. Leitende Aufgaben oder Führungsaufgaben werden dir sowieso nicht übertragen.

Kleine Kinder werden oft gefragt, von was sie träumen, welche Berufe sie später ergreifen wollen. „Bürgermeister? Pilot? Astronaut?“. Was fragen wir gehörlose oder auch im Allgemeinen behinderte Kinder? „Tischler? Anstreicher? Zahntechniker?“ – Nein, diese Fragen werden gehörlosen Kindern nicht gestellt. Es ist nicht der Stoff zum Träumen.

So frage ich: Welche Träume dürfen wir Gehörlose haben? Ist das Höchste aller Gefühle, wenn man ein ausgewiesener Handwerker ist, der im stillen Kämmerchen seine Werke zum Besten gibt? Oder wenn man als Abteilungsleiter in einer Sportsparte im Gehörlosen-Sportverein fungiert? Das scheint mir zu wenig ambitioniert.

Ich schaue gerne kleinen Kindern zu, wenn sie wachsen, und ich sie beim Großwerden begleiten darf. Über jeden Schritt, den sie machen und jeder Erfolg für sie, ist so, als ob es mein eigener wäre. In meiner beruflichen Laufbahn erinnere ich mich gerne an einen Chef, der einst sagte, einen guten Meister erkennst du daran, dass er seinen Schülern die Möglichkeiten gibt, irgendwann ihn zu überflügeln und besser als er selbst zu werden. Welch ein Spruch, welch eine menschliche Größe! Ich habe diesen Mann abgöttisch geliebt und denke noch heute, nach mehr als 20 Jahren, gerne an ihn zurück. Meine Anerkennung für sein Wirken gipfelt darin, dass ich seinen Leitgedanken übernommen habe und in meinem beruflichen Wirken junge Leute um mich herum fördere, sie zu mutigen Handlungen ermuntere und sie dabei begleite, dass sie ihren Weg gehen können. Ich halte dieses Credo für eine wichtige menschliche Errungenschaft, da sie Verantwortung, Fortschritt, Zusammenhalt und auch Nachhaltigkeit darstellt. So sollte unser Handeln und Wirken begründet sein.

Es bedeutet zu fragen: „Was möchtest du später einmal sein? Wo setzen wir deine Zielmarken?“ Und im Kontext zu hier, mit gehörlosen oder behinderten Menschen bedeutet es auch, ihnen diese Frage zu stellen: „Von was träumst du?“ Es ist eine sehr wichtige Frage! Denn wenn man keine Träume hat, keine Ziele hat, nur in den Tag hineinlebt, ambitionslos, dann kann man für sich auch keine Ziele setzen und diese anstreben. Träume sind ein wichtiges Lebenselixier, etwas, das dich bewegt, das dich kämpfen lässt. Für etwas einzustehen, etwas erreichen und bewirken zu können, das ist es doch, was unser Leben besonders macht. Der Keim oder die Wurzel liegt darin, Träume zu haben und diese auch zu gewähren.

Wenn wir von Inklusion reden, dann frage ich mich: Wessen Träume sind das? Die der behinderten Menschen oder die unserer Gesellschaft? Oder nur die fixe Idee einer ideologisierten Elite, die etwas Gutes meint? Bei Träumen ist es wie mit der Motivation: Sie muss von innen heraus kommen und darf nicht aufgesetzt sein, denn sonst verpufft die Wirkung schnell, spätestens nach den ersten Dämpfern und Misserfolgen. Bei einem Traum dagegen, da kämpft man an, setzt sich über Grenzen hinweg, zehrt sich auf, in Leidenschaft.

Hieran hakt es, was die Behindertenpolitik oder auch Inklusion angeht. Antoine de Saint-Exupéry sagte einmal: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Übertragen auf behinderte Menschen frage ich: Wer gibt ihnen die Träume, wer lehrt sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer? Wer macht ihnen Mut, sich für eine Sache, ihre eigene Sache einzusetzen und dafür zu kämpfen? Nicht nur die schwierige Kommunikation steht Gehörlosen im Weg, auch die fehlende Perspektive und eine mögliche Erfolgsaussicht ihres Handelns fördern nicht gerade ein mutiges Einschreiten für ihre Sache. Man hat es ihnen nicht beigebracht, man hat es sie nicht gelehrt, wie das ist, für seine Träume zu kämpfen. Der Fürsorge-Gedanke unserer Gesellschaft erstickt solche Ansätze schon im kleinsten Keim. Selbstbestimmung und Träumen, das gehört zusammen. Beides muss gelehrt und gelernt sein. So nun: Wer bringt den Gehörlosen das Träumen bei?

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