Die Deaf Community im Wandel der Kommunikation

Wenn ich heute meinen Kindern zuschaue und beobachte, wie sie kommunizieren, dann komme ich manchmal nicht mehr aus dem Staunen heraus. Kommunikation ist heute nicht mehr nur das Sprechen von Angesicht zu Angesicht, welches für uns schwerhörige und gehörlose Menschen so wichtig ist. Schon mit dem Telefon begann eine Ära des FERNsprechen, welche sich heute in vielfältigen Kanälen verzweigt (und zum Teil auch verliert). Während ich stolz bin, dass ich nicht nur WhatsApp als Messenger nutze, sondern zunehmend aus Datenschutzgründen mehr und mehr auf Signal überwechsele, schwört meine Tochter auf Instagram und Snapchat (wobei das ja schon wieder out sein soll). Daneben nutzen viele meiner Freunde Facebook oder skypen. Genau genommen habe ich auch alle diese Anwendungen auf meinem heiß-geliebten Smartphone installiert. Ein Leben heutzutage ohne dieses Gerät? Unvorstellbar! Mein Sohn nennt ein Tablet sein eigenes, aber die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten habe ich ihm noch nicht eingeräumt. Was will ein Zehnjähriger denn mit WhatsApp usw., wenn seine Freunde das auch nicht haben. So dachte ich … Neulich sah ich ihn vor dem Fernseher sitzen und sprechen, zudem hantierte er mit seiner Spiel-Konsole. Was ich dann sah, hat mich doch etwas umgehauen. Er kommuniziert und verabredet sich mit seinen Freunden über die Online-Spiele seiner Playstation!

Wenn ich noch daran denke, wie ich früher im Alter meiner Kinder kommuniziert habe. Da gab es nur das Telefon und das konnte ich als gehörloser Mensch nicht nutzen, musste immer jemanden finden, der für mich etwas ausrichten konnte. Der Fokus war ganz klar darauf ausgerichtet, Fakten auszutauschen. Das Äußerste meiner Gefühle beim Telefon war, dass ich selbst Stories erzählen könnte, auch weil ich verständlich sprechen konnte. Mein Gegenüber durfte zuhören. Das waren dann Monologe, aber eben keine Dialoge. Alle wussten über mich Bescheid, aber ich über die anderen nicht. So kann man Kommunikation gestalten, ist aber eher unbefriedigend, wenn man an einem gegenseitigen Austausch interessiert ist.

Im Vergleich dazu sind die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten enorm. Heute reden oder schreiben wir über alles mit jedem. Ganz vorne sind hier dabei auch unsere vielen Emotionen, die wir austauschen. Man denke hier nur an die vielen Smileys, die es gibt. Für jede Gefühlslage gibt es schon etwas (wobei ich mich frage, ob zwei Menschen auch wirklich das Gleiche meinen oder empfinden, wenn sie einen bestimmten Smiley benutzen?).

Nach dem Telefon kamen dann erstmals Schreibtelefone. Was eine Offenbarung für gehörlose Menschen! Endlich waren auch sie mit dabei bei der Fernkommunikation. Wer von den heutigen 50- oder 60-jährigen erinnert sich nicht noch an die schmalen Silberbänder, welche von links nach rechts aus dem Gerät ratterten und kilometerlange kleine Schlangen produzierte? Plötzlich waren die vielen Kontakte aus der Essener Schulzeit wieder greifbar und nicht mehr so weit weg. Unsere kleine Gehörlosenwelt rückte dichter zusammen. Die Form der Freundschaften veränderte sich, man verlor sich nicht mehr aus den Augen und auch die Silberband-Industrie hatte ihre helle Freude an uns Gehörlosen. Es mag mich nicht verwundern, wenn es noch einige Schätze dieser Art auf diversen Dachspeichern (die ersten „Datenspeicher“, daher das Wort!) in unserer Republik gibt. Och, wie gerne würde ich das noch einmal lesen, was ich als damaliger hormongeschwängerter junger Mann alles getippt habe. Aber vielleicht ist das doch keine so gute Idee? Manche Peinlichkeiten sollte man sich nicht noch einmal antun.

Mit den Schreibtelefonen konnte man zwar mit den Hörenden gleichziehen, was die Kommunikation anging, aber man blieb doch unter sich. Erst das nachfolgende Telefax-Gerät hob diese Barriere auf, denn auch viele hörende Menschen hatten – im Gegensatz zum Schreibtelefon – ein Faxgerät. Gehörlose konnten endlich Bestellungen aufgeben oder auch ihre Krankschreibungen an den Arbeitgeber schicken, ohne die eigenen Eltern oder den Nachbarn zu belästigen. Dem Faxgerät folgten bald die ersten, klobigen Handys, mit welchen Gehörlose zwar nicht telefonieren konnten, aber es war die SMS, die uns glücklich machte. Die Grenzen des Festnetzes wurden endlich gesprengt und wir Gehörlose waren nun auch mobil und immer erreichbar. Die hohen Kosten einer SMS, wie auch die enge Begrenzung auf nur 160 Zeichen, konnte unserer Freude keinen Abbruch tun. Was ein Sprung, was eine Befreiung! Es führte dazu, dass wir flexibler wurden und wir uns häufiger und privat treffen konnten.

Mit dem Einzug des Internets und den damit aufkommenden Emails Ende der 90er Jahre begann dann ein komplett neues Zeitalter der Kommunikation, was bis heute anhält. Hier startete ich bereits meine ersten Chat-Versuche, die in interessanten Erlebnissen mündeten. Erstmals verliebte ich mich in eine hörende Frau, obwohl ich diese gar nicht persönlich kannte. Es war rein virtuell und vieles spielte sich doch mehr in meinem Kopf ab, als es je in der Realität möglich war. Ich erwischte mich dabei, dass ich andauernd an ‚surreal‘ dachte, ohne zu wissen, wer diese Person wirklich war. Im Laufe der Zeit konnte ich herausfinden, dass es eine SIE war, in der Schweiz wohnte und verheiratet war. Vor ihrem Mann hatte ich gehörigen Respekt, denn sie beschrieb ihn als launisch und auch aggressiv. Es war ein Wechselbad der Gefühle und ging über mehrere Monate, wo wir abends stundenlang miteinander chatten. Es waren sehr innige und auch tiefe Gespräche, die uns verbunden haben. Irgendwann konnte ich herausfinden, wo sie wohnte, und dass sie jeden Morgen mit dem Zug nach St. Gallen fuhr. So saß ich eines morgens mutterseelenallein auf einer Bank in der Vorhalle und musterte die einsteigenden Reisenden. Und dann sah ich sie. Eine hübsche, blonde Frau, die Beschreibung passte. Ich folgte ihr und setzte mich im Abteil direkt vor sie, grinste sie an. Es dauert nicht lange, ich musste gar nichts sagen. „Ralph? Du?“. Das Bild war göttlich, ihre Kinnlade sauste gefühlsmäßig zum Boden, die Augen weit aufgerissen. Ihr Entsetzen wich schnell ihrer Freude, dennoch konnte sie es nicht glauben, dass ich plötzlich leibhaftig vor ihr saß. Der Zug fuhr an und ich wusste, wir hatten nicht viel Zeit, die Fahrt ging nur 15 Minuten. Aber es reichte, um uns gleich für den Mittag wieder zu verabreden. Wir hatten dann einen gemeinsamen schönen Nachmittag, wir verstanden uns gut und dennoch, es fehlte irgendwas. Zum einen habe ich mich doch ein wenig an dem starken Schweizer Akzent gestört, nicht immer alles verstanden, zum anderen … so ganz frei war sie nicht, diese vorgegebene Freiheit existierte nur in ihrer virtuellen Welt. Wir haben uns später noch einmal gesehen, kamen uns auch etwas näher und dann war ich doch wieder raus aus ihrer Welt. Einerseits hatten wir sehr innige und intensive Gespräche, aber diese reichten nicht hinein in die reale Welt. Vieles war eben doch mehr Kopf-Kino.

Das war der Anfang meiner ersten virtuellen Gehversuche, wo man teilweise noch mit Modem und Geschwindigkeiten jenseits der 64 kbit/s gesurft ist. Aber schon da ging mit recht einfachen Textdateien das Eintauchen in die virtuelle Welt. Es ist kein Vergleich zu heute, wo wir nun mit Gigabits an Daten um uns schmeißen, Videochats unterbrechungsfrei von Angesicht zu Angesicht führen können. Heute ist Kommunikation grenzenlos und unbeschränkt, immer und überall, mit jedem möglich!

Böse Zungen sagen, der Beginn der vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten sei das Ende der vielen Gehörlosen-Clubheime als Fix- und Ausgangspunkt aller gemeinsamen Aktivitäten gehörloser Menschen und hat das Sterben der Gehörlosen-Community eingeleitet. Kann man das so krass sagen? Ich möchte dagegenhalten.

Soziale Plattformen wie bspw. Facebook mit ihrer vielfältigen Vernetzung schaffen viele neue, weltweite Kontakte, zeigen Informationen aus anderen Regionen der Welt. So bekomme ich dann auch öfters Videos von anderen Gehörlosen, die zeigen, wie sie leben und was sie erleben. Das ist sehr spannend zu sehen, auch weil man erkennt, dass länder- und kultur-übergreifend Gehörlose weltweit Ähnliches erleben. Es sind so sehr verbindende Elemente, wo man intensiv spürt, ja, es gibt sie, diese weltumspannende Gehörlosen-Community, die durch die Gebärdensprache ein starkes Bindeglied besitzt.

Aber nicht nur neue Kontakte entstehen. Auch alte, verloren geglaubte Kontakte lassen sich durch die vielfältigen Verflechtungen der Netzwerke wiederfinden. Alte Geschichten werden wieder neu belebt und finden ihre Fortsetzung. Ich bemerke auch, dass nun viele Schwerhörige der Faszination der Gebärdensprache erliegen, vor allem mit zunehmendem Alter und der Erkenntnis, dass man trotzdem hörgeschädigt bleibt und man nicht mehr den ewigen Kommunikationsproblemen hinterher laufen will. Die Schauspielerin Meryl Streep hat das sehr schön formuliert: „Ich habe keine Geduld mehr für bestimmte Dinge. Nicht weil ich arrogant geworden bin, sondern einfach nur, weil ich einen Punkt in meinem Leben erreicht habe, an dem ich keine Zeit mehr mit dem, was mir missfällt oder mir wehtut, verschwenden will.“

Die virtuellen Welten verändern uns in vielfacher Hinsicht. Sie zeigen uns eine Menge an neuen Möglichkeiten, sie erlauben uns Zugang zu neuartigen Kontakten auf vielen verschiedenen Ebenen. Sie fordern uns daher aber auch eingehend auf, darüber nachzudenken, wer wir sind und was wir wollen. Denn auf allen Hochzeiten können wir nicht tanzen. Wir müssen irgendwann entscheiden, welche Prioritäten wir in unserem Leben setzen und welchen Wert wir realen und virtuellen Freundschaften geben. Es ist eine große Herausforderung für jeden einzelnen Menschen.

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