Die Balance zwischen Konfrontation und Kommunikation

In der Ausgabe der Zeitschrift Life InSight vom Dezember 2017 habe ich mit großem Interesse den Text von Oliver Rien zur Bagatellisierung gelesen, auch weil mich in letzter Zeit das Thema selbst berührt hat, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, als ihn Oliver Rien benennt. Während er davon schreibt, dass durch den Vergleich CI-Operation zu den Leiden in der Nazi-Zeit eine Bagatellisierung der Opfer der Nazi-Zeit stattfindet, erfahre ich eine Bagatellisierung in einem anderen Bereich.

In meinen politischen Aktivitäten als Vorsitzender vom Gehörlosenverband Hamburg bekomme ich in letzter Zeit öfters den Hinweis, wir Gehörlose sollten uns etwas zurücknehmen und mehr Rücksicht auf andere behinderte Menschen nehmen, auch weil wir Gehörlose im Vergleich zu diesen schon viele Rechte erstritten hätten und wir deshalb prinzipiell besser da stünden. Wohl bemerkt, diese Aussage kommt von anderen behinderten Menschen oder deren Angehörigen.

Ich musste die Luft anhalten, um nicht laut und ausfallend zu werden. Denn damit wird ausgesagt, dass die Bedürfnisse gehörloser Menschen nicht mehr so „schlimm“ seien wie die Bedürfnisse anderer behinderter Menschen. Das ist für mich eine ganz ärgerliche Form der Bagatellisierung, weil man damit versucht, unsere noch fehlenden Bedürfnisse zu „verniedlichen“ und damit unsere Gruppe klein zu halten oder mundtot zu machen. Im Prinzip wird erwartet, dass wir uns jetzt bitte stille verhalten sollen.

Wir sehen anhand dieser beiden Beispiele, dass dem Wort „Bagatellisierung“ eine wichtige Rolle zukommt. Es bedeutet letztlich, Vergleiche zu schaffen und dann auf Basis dieses Bildes seine eigene Sache zu Lasten einer anderen Sache bedeutsamer darzustellen.

Im ersteren Fall möchte Oliver Rien aufzeigen, dass der Vergleich CI-Operation zu den Leiden in der Nazi-Zeit kein guter Vergleich ist. Warum? Die Gräueltaten der Nazi-Schergen sind beispiellos. Noch nie hat jemand mit purer Absicht so gnadenlos und effizient versucht, ganze Völker auszulöschen. Dieses Bild haben vielen Menschen auf unserer Erde im Kopf.

Wenn nun Gehörlose sich dieses Bildes bedienen, dann ist das ein gewagter Versuch, ein vergleichbares Elend zu schaffen. Das bedeutet, dass die orale Bevormundung, welche sich durch jahrzehntelange Unterdrückung der Gebärdensprache nun in CI-Operationen gipfelt, ähnliches Leid und Opfer verursacht hat wie das der Nazi-Schergen. Es bedeutet auch, dass Mediziner wie Nazi-Schergen agieren – rücksichtslos, ohne Skrupel.

Mir sind schon die Bedeutung und der Wunsch klar, welche sich gehörlose Menschen durch diesen Vergleich herbeizitieren wollen. Ich gebe zu, auch ich bediene mich öfters drastisch überzogener Bilder, um hörenden Menschen zu verdeutlichen, was es heißt, mit Taubheit zu leben. Allerdings müssen diese Bilder in einem glaubwürdigen Rahmen bleiben. Wenn sie völlig überzogen sind, kann es passieren, dass andere einen nicht mehr ernst nehmen und somit jegliche Möglichkeit genommen wird, miteinander in Dialog zu treten. So kann man sich keine Gesprächsbasis auf Augenhöhe verschaffen – das, was wir uns doch alle sehnlichst wünschen!

Es geht also Oliver Rien letztlich nicht darum, gehörlose Menschen „mundtot“ zu machen und ein Genozid gehörloser Menschen zu verschweigen, sondern sein Artikel ist ein Hinweis darauf, dass wenn man für sich Verständnis, Empathie und Sensibilität einfordern will, diese an anderer Stelle auch gewähren sollte. Man kann nicht gleichzeitig für sich Rechte einfordern, aber eben genau diese Rechte anderen Menschen verwehren. Das gilt auch dafür, wenn man selbst jahrhundertelang unterdrückt wurde und man nun denkt, es ist eine Zeit der gnadenlosen Rehabilitation angesagt.

Trotz jahrelanger Diskriminierung soll man weiter ruhig und bestimmt in der Kommunikation bleiben, sich nicht aufregen und nicht ausfallend werden? Ich weiß, das sagt sich so einfach. Als ich jung war, habe ich oft versucht, mit aggressiven Worten zu meinem Recht zu kommen. Aber selbst, wenn ich in der Sache völlig Recht hatte, habe ich nicht immer auch das Recht zugesprochen bekommen – gerade, weil mein Ton, meine Haltung meinem Gegenüber nicht gefiel.

Nach vielen Jahren in meiner politischen Arbeit und meiner Erfahrungen im Umgang mit Menschen und Kommunikation wuchs bei mir die Erkenntnis, dass man Konflikte nicht mit gnadenloser Konfrontation oder rebellischem Verhalten löst, sondern mittels Empathie und Ergründung der Motive der Gegenseite. Denn … auf der anderen Seite steht immer auch ein Mensch mit Gefühlen, nicht nur mir rationalem Verstand. Hier möchte ich gerne an Mahatma Gandhi erinnern, der völlig gewaltlos, mit Beharrlichkeit und einer grandiosen Haltung die Engländer aus Indien vertreiben konnte. Mit aggressiver Gewalt wäre er in kürzester Zeit vernichtet worden. Gandhi wusste, dass Geduld und Worte seine stärksten Waffen waren.

Wenn man also jemanden für sein Anliegen gewinnen will, dann muss man beide Ebenen ansprechen, neben der rationalen auch die emotionale Ebene. Letztlich läuft alles auf ein Geben und Nehmen hinaus und das ist egal, wie wir miteinander kommunizieren. Wir leben in einer Zeit, in der wir immer besser und offener miteinander kommunizieren, in einer Welt, die sich immer mehr öffnet und offen zeigt für andere Kommunikationsformen.

Wir Gehörlose, wir alle wissen, wir haben die schönste Sprache der Welt. Dieser Schönheit unserer Sprache erliegen immer mehr Menschen. Hier sollte unser Fokus sein: Der Welt zeigen, dass Gebärdensprache ein wichtiger Bestandteil zur menschliche Vielfalt und für das Zusammenleben eine große Bereicherung darstellt. Mit unserer Gebärdensprache können wir Herz und Kopf ansprechen und die Menschen für uns gewinnen. Das ist etwas, was wir haben und geben können, nur wir!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: