Von ZweiOhrHasen, EinOhrHasen und KeinOhrHasen

Den Film „KeinOhrhasen“ von Til Schweiger kennen viele Menschen in Deutschland. Er war einer der erfolgreichsten Filme in den letzten Jahren und auch meine Kinder gucken ihn immer wieder gerne. Der Filmtitel ist etwas ungewöhnlich und handelt von einem im Kindergarten gebastelten, knuddeligen Stoffhasen, der keine Ohren hat und daher durch die Nase hören kann.

Keine Ohren und durch die Nase hören. Hier gehört schon viel Phantasie dazu, um das zu verstehen. Ohren und Hören, das scheint ein schwer zu verstehender Prozess zu sein. Wir lernen alle in der Schule, wie das Ohr systematisch aufgebaut ist, und ich habe in meinem Leben schon unzählige plastische Modelle vom Ohr in der Hand gehabt oder Grafiken an den Wänden gesehen. Gerade als hörbehinderter Mensch kann man dem nicht entrinnen. Von klein auf begleiten uns diese Schaubilder. In der Schule, beim HNO-Arzt, beim Hörgeräte-Akustiker …

Nun bin ich schon über 50 Jahre, aber so richtig verstanden habe ich noch immer nicht, was Hören wirklich bedeutet und wie es funktioniert. Die wunderschönen Audiogramme beim HNO-Arzt zeigen mir auf zweidimensionalen Graphen, was ich hören sollte und was ich tatsächlich höre. „Hören sollte“ heißt, so hört der durchschnittliche Mensch. Ich erkenne bei mir eine große Lücke und da heißt es lapidar: „an Taubheit grenzende Innenohrschwerhörigkeit“. Mir wird erklärt, wie man versuchen will, die Lücke zu schließen, indem man Hörgeräte so einstellt, dass sie die wenigen vorhandenen Hörreste verstärken, so dass ich zumindest noch etwas „höre“. Allerdings, so erfahre ich auch: Wo nichts ist, wo keine Hörreste existieren, da geht auch nichts. Null mal 100 bleibt trotzdem Null.

So weit kann ich dem noch folgen. Ich habe verstanden, dass ich nicht wie ein durchschnittlicher (oder „normaler“) Mensch höre. Ich habe verstanden, dass mein „Hören“ nicht vergleichbar ist mit dem anderer, selbst wenn wir ähnliche Hörkurven haben. Inzwischen habe ich auch verstanden, dass offenbar jeder Mensch anders hört und deshalb bspw. einer sich für klassische Musik erwärmen kann, während für einen anderen Menschen Hip-Hop das Nonplusultra ist. Ich erkenne an mir, dass ich Frauen besser verstehe, weil sie melodischer sprechen. Hören ist offenbar mehr als nur das, was ein zweidimensionaler Graph mir zeigt.

Wenn ich nun gefragt werde, wie ich „höre“, dann wird es schwierig, das zu erklären. Ohne Hörgeräte höre ich nichts. Mit Hörgeräten kann ich Sprache und Musik wahrnehmen, aber wohl nicht so, wie es Normalhörende scheinbar tun. Ich muss ja trotzdem Lippenablesen. Und der Klang eines Hörgerätes soll metallisch anmuten, also wohl anders als natürliches Hören.

Ich erkläre, ich erkenne bei Sprache wahrscheinlich die Vokale a, e, i, o, u –, den Rest kombiniere ich mir anhand von Lippenablesen, Kontext kennen und verstehen und aktiver Beteiligung an Gesprächen, so dass der Eindruck entsteht, ich „höre“. Aber halt! Hören und Verstehen sind nicht dasselbe. Wenn ich kommunizieren will, muss ich verstehen, nicht hören. An dieser Stelle bringe ich oft das Beispiel mit einem fremdsprachigen Film, den ich hören kann und selbst wenn ich den Ton beliebig lauter mache, verstehen werde ich den Film nicht, wenn ich diese Sprache nicht kenne.

Um etwas zu verstehen, muss man mehr können als nur hören. Hören alleine reicht nicht, man muss auch etwas („Sprache“) kennen und etwas („Kontext“) wissen. Der Wahrnehmungsprozess beim Verstehen ist demnach recht komplex. Entsprechend ist „Hören“ für einen hörbehinderten Mensch anstrengend, auch weil der Wahrnehmungsprozess so anders verläuft und enorme Anstrengungen erfordert. Es ist daher vorstellbar, wie groß der Frust auf Seiten hörbehinderter Menschen ist, wenn sie trotz größter Anstrengungen nicht alles richtig verstanden haben. Es sind viele kleine Elemente, die bei hörbehinderten Menschen wichtig sind, damit sie „verstehen“, nicht unbedingt hören.

Wehe, es versagt ein Teil dieser vielen Elemente, bspw. die Technik. Die Hörgerätbatterie ist leer, der Schlauch zwischen Hörgerät und Ohrpassstück ist angerissen, man hat einen Pickel im Ohr und man kann nur auf einer Seite ein Gerät tragen. Du hörst plötzlich nur noch Mono statt Stereo, mutierst zum EinOhrHasen. Es ist ein so ekliges Gefühl, woran man sich nicht gewöhnen will, wenn man einigermaßen eine Balance mit Hörgeräten gefunden hat und die Balance plötzlich gestört ist.

Man ist gereizt und will schnell eine Lösung herbeiführen, kann es nicht, weil man zum HNO-Arzt oder Hörgeräte-Akustiker muss. Dieses Prozedere nervt, kostet immer wieder Zeit. Es ist kein Wunder, wenn viele hörbehinderte Menschen irgendwann aufgeben und den Prozess der Anpassung von Hörhilfen verweigern (es ist übrigens egal, ob man bei Hörhilfen von Hörgeräten oder von einem Cochlea Implantat spricht).

Insofern „erlaube“ ich mir die Freiheit, manchmal die Hörgeräte nicht zu tragen oder sie zwischendurch bei der Arbeit oder wenn ich unterwegs bin, abzuschalten. Es ist ein wahnsinniges, aus meiner Sicht tolles Gefühl, im Gewimmel vom Hauptbahnhof zu sitzen und nicht „hören“ zu müssen. Ich fühle mich dann wie ein KeinOhrHase und genieße diese innere Stille. Wenn ich das Hörenden erzähle, kann man zum großen Teil ihr Entsetzen im Gesicht ablesen: „Wie kann er sich einfach ausklinken aus der Welt des Hörens?“.

Exakt! Ich nehme mir das Recht heraus, mich aus der Welt der ZweiOhrHasen, aus der Welt der Stimmen, der Klänge und Geräusche zu entfernen, wenn ich das will, wenn ich das für mich als nötig erachte. Einmal am Tag, vielleicht auch mehrmals. Es ist etwas, was mir niemand nehmen kann. Das Eintauchen in eine Welt der völligen Stille, eine andere, schöne und auch offenbar mystische Welt für die ZweiOhrHasen … in meine Welt der KeinOhrHasen.

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