Wie die deutschen Bürger gehörlose Menschen wahrnehmen – Ein Stimmungstest im Jahre 2018

Was unterscheidet gehörlose Menschen von ‚normalen‘ Menschen – außer dem fehlenden Gehör und damit verbunden eine andere Kommunikation? Ich erzähle hier gerne von der Kultur- und Sprachgemeinschaft, von dem weltumspannenden Gefühl einer Gemeinschaft, die sich um solche Meta-Themen wie Religionen, Grenzen, Geschlechterdifferenzierungen, Rassismus wenig schert und sich an ihrer einzigartigen und visuellen Sprache erfreut. 

Alleine die Vorstellung, dass es eine Gemeinschaft innerhalb der Gemeinschaft gibt, eine Subkultur von Menschen, die zwar die gleiche Nationalität hat, vom gleichen Blut womöglich, und dennoch durch die Gebärdensprache eine andere Kultur und auch Wertevorstellung hat, das sprengt die Vorstellung vieler ‚normalen‘ Menschen. Der Kulturbegriff lässt sich nicht einfach herleiten, ist aufgrund der eigenen Sprache noch vorstellbar, dennoch schwer zu fassen. „Mein eigenes Kind hat eine andere Sprache, eine andere Kultur und auch noch eine andere Wertvorstellung als ich – nur, weil es gehörlos ist?“ – das ist oft der Gedanke hörender Eltern von gehörlosen Kindern, wenn sie das erste Mal von der Welt der Gehörlosen erfahren. Sogleich beschleicht sie das mulmige Gefühl, ihr Kind an diese eigenartige und fremde Welt zu „verlieren“ und nicht zu verstehen, warum das passiert. Entsprechend sind fast schon reflexartig die Reaktionen, die stark in Richtung Ablehnung gehen und diese fremdartige Welt nicht akzeptieren wollen. 

Wenn nun selbst die eigenen Eltern, von denen man annehmen kann, dass sie ihr Kind lieben und ihnen es möglichst recht machen möchten, hier an ihren Grenzen in der Akzeptanz und dem Respekt der gehörlosen Welt stoßen, was kann man dann von Menschen oder von unserer Gesellschaft erwarten, für die solche Themen absolute Randthemen sind und die Begriffe wie Behinderung, gehörlos oder Gebärdensprache nur aus den Medien kennen? 

Viele von ihnen haben noch nie von dem “Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen” (Convention on the Rights of Persons with Disabilities — CRPD) gehört, welche ein Menschenrechtsübereinkommen der Vereinten Nationen ist und am 13. Dezember 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde. Diese – auch als UN-Konvention behinderter Menschen bekannt – trat am 3. Mai 2008 in Kraft. Was nun auch viele deutsche Bürger nicht wissen: Diese UN-Konvention gilt auch für Deutschland und ist hierzulande seit dem 26.März 2009 verbindlich. 

Wenn die deutschen Bürger nie mit solchen Themen tangiert werden, können sie offenbar entsprechend auch wenig Mitgefühl und Verständnis für Menschen mit Behinderungen und deren Situation aufbringen. Ein wesentlicher Punkt ist allerdings auch das „beispielhafte Voranschreiten“ in der deutschen Politik und von den Behörden. Hier ist wenig zu sehen, denn

viele Politiker und Behörden sind der Auffassung, man setze in Sachen behinderter Menschen ausreichende und lobenswerte Maßnahmen um. Deutlich erkennbar war das im März 2015 in Genf vor dem UN-Fachausschuss, als Deutschland seinen Staatenbericht vorgestellt hat und dargelegt hat, wie gut man schon bei der Umsetzung der UN-Konvention sei. Und doch: Die deutschen Vertreter haben erhebliche Prügel bezogen und verstehen bis heute nicht, warum Deutschland derart für seine „umfassenden Maßnahmen“ im Bereich der behinderten Menschen kritisiert wird. Wenn so wenig Einsicht und Verständnis in den oberen Etagen unserer Volksvertreter herrscht, was kann man dann von seinen eigenen Bürgern erwarten? 

Dem Volk aufs Maul schauen, seine Stimmung ausloten, das kann man gut, wenn man sich in den sozialen Medien beteiligt und die Kommentare seiner Mitmenschen liest. Ich bin immer wieder überrascht, wie sich Menschen in den sozialen Medien austauschen und unverblümt ihre Meinung kundtun. Sicherlich liegt es zum großen Teil auch dran, dass es heutzutage ein Leichtes ist, schnell seinen Senf in Facebook abzugeben, zumal das auch unter Nicknames funktioniert und man seinen richtigen Namen nicht preisgeben muss. So hat es dann auch keine wirkliche Konsequenz, wenn man unbedachte oder auch beleidigende Kommentare in den vielen Textwüsten hinterlässt. Erschreckend ist für mich, wie offen und klar manche Menschen ihre Meinung kundtun und mitteilen, was sie über Menschen mit Behinderungen denken oder empfinden. 

In den letzten Tagen und Wochen konnte man sich in vielen Medien mit den folgenden Schlagzeilen auseinandersetzen: „Eltern verweigern Cochlea-Implantat“ / „Zwangsimplantation – Darf man ein gehörloses Kind gegen den Willen der Eltern operieren? Weil seine Eltern dem Eingriff nicht zustimmen, hat der Arzt das Jugendamt eingeschaltet.“ / „Haben gehörlose Kleinkinder ein Recht auf ein Cochlea-Implantat?“. Während die Journalisten bemüht waren, eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem Thema zu führen, sind die Kommentare in den Online-Medien erbärmlich. 

Diese Diskussionen sind nichts Neues. Bereits 2002 gab es ein Riesenaufschrei, als ein gehörloses lesbisches Paar aus den USA den Wunsch äußerte, es wünsche sich ein taubes Kind und suchte im speziellen einen gehörlosen Spender, der das quasi garantieren konnte. Sechs Jahre später ging die Geschichte von einem englischem gehörlosen Paar um die Welt, weil sie durch Embryonenselektion dafür sorgen wollten, ein gehörloses Kind zu bekommen. Paula Garfield und Tomato Lichy hatten damals argumentiert, dass sie Taubheit als Lebensform, nicht als Behinderung verstehen. Die Schlagzeilen damals waren entsprechend: „Retortenbabys: Jeder Mensch soll hören dürfen – Wer mittels Selektion ein behindertes Kind in die Welt setzt, handelt moralisch verwerflich“. Die Norm zu hören ist die Prägendere und gibt entsprechend die moralische Haltung vor, so wird argumentiert. 

Die genannten Fälle sind jetzt nicht direkt miteinander vergleichbar. Es ist natürlich ein Unterschied, ob man von vorneherein durch Selektion bewusst ein gehörloses Kind herbeiführt

oder ob man ein Kind, bei welchem man in Nachhinein die Diagnose der Taubheit feststellt und entsprechend „heilen“ will. Auch wenn zwischen diesen Fällen 15 Jahre liegen, wir nun in das Jahr 2018 eintauchen und seit nahezu 10 Jahren die UN-Konvention als geltendes Recht haben, der Tenor hat sich nicht geändert und zieht sich wie ein roter Faden durch die mediale Landschaft: Es wird suggeriert, dass Behinderungen eine Belastung für die „solidarische“ Mehrheit darstellt und entsprechend ausgemerzt gehören oder gar nicht erst entstehen dürfen. Für den Einzelnen ergibt sich daraus ein irrer Anpassungszwang, indem er sich den Vorgaben und Normen fügt, welche einem die Gesellschaft vorgibt – frei nach dem Motto: „Der Einzelnen hat sich zu beugen und darf der Gemeinschaft nicht zur Last fallen.“ Man könnte meinen, wir haben nichts aus unserer Geschichte gelernt. Es gab eine dunkle Zeit in der Geschichte des deutschen Volkes, in der Gleichförmigkeit und Uniformität eingefordert wurde und der Einzelne nichts galt. Viel geändert hat sich offenbar in diesem deutschen Lande nichts. Die Missachtung von Varietät und Vielfalt führt zu Eintönigkeit und Gleichheit und wir verwandeln uns zu bloßen Nummern. 

Interessant ist: Diese Haltung steht im krassen Widerspruch zu den Reisezielen der deutschen Bundesbürger. Viele wollen immer weiter hinaus, suchen nach unberührten Fleckchen, den besonderen Kick, die Einzigartigkeit. Das macht den Reiz von Fernreisen aus. Aber hierzulande soll alles vereinheitlicht, standardisiert werden, damit es weniger Reibungsverluste und Störungen gibt, damit alles effizienter wird und sich besser rechnen lässt. Ein solche Ökonomisierung fordert ihr Tribut, denn Varietät und Vielfalt sind störende Elemente und findet dort keinen Platz. 

Diese Haltung steht auch im Widerspruch zum geltenden Recht, dem der UN-Konvention. In Artikel 17 wird dort bekräftigt, dass jeder Mensch mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen das Recht auf Achtung seiner körperlichen und seelischen Unversehrtheit hat. Nach diesen Prinzipien darf eine Behandlung allein aufgrund einer Behinderung nicht ohne Einwilligung erfolgen.

Nun frage ich mich: Was wollen wir? Gleichförmigkeit und Uniformität, entsprechend einen deutschen Einheitsbrei, in dem die Bedeutung des Einzelnen keinen Wert hat? Oder wollen wir Varietät und Vielfalt, damit verbunden viele unterschiedliche und unbekannte Muster als bereichernde Elemente unseres Lebens? Ich habe das Gefühl, viele Menschen in Deutschland haben noch nicht darüber nachgedacht. 

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