Gehörlos? Taub? Oder was?

Es war ein mal ein Dorf, das war umzingelt und wehrte sich vehement gegen die Eindringlingen von außen. Ihnen war ihre Kultur und Gemeinschaft ein heiliges Gut und sie verteidigten ihr Dorf bis aufs Blut. So oder ähnlich beginnt jede Geschichte von einem kleinen tapferen Gallier im Kampf gegen die Römer. Wer kennt sie nicht, diese Comics mit Asterix?

Einen ähnlichen, erbitterten Kampf führen seit Jahrzehnten die Gehörlosen für ihre Gemeinschaft, für Ihre Sprache und für ihre Kultur. Ein Teil dieses Kampfes gilt auch der Bezeichnungen für diese Gemeinschaft, die die Gebärdensprache nutzen und sich unter dem Wort Gehörlos versammeln.

Das war nicht immer so. Noch heute gibt es viele Menschen in Deutschland, die von Taubstummen sprechen. Auch manche Zeitung kann ihre reißerischen Schlagzeilen nicht lassen, obwohl sie es besser wissen sollte und schreibt dann von Taubstummen. Das liest sich dann so: „Taubstumme Frau schlägt Busfahrer!“. Das erzeugt komischerweise mehr Aufmerksamkeit als „Gehörlose Frau schlägt Busfahrer!“. Das gilt besonders dann, wenn Gehörlose in der aktiven Rolle als Täter unterwegs sind. Interessanterweise liest es sich dann aber generell so, wenn Gehörlose in der der Opfer-Rolle sind: „Busfahrer schlägt gehörlose Frau!“. Warum taubstumm eine solche prägende Rolle hat und offenbar mehr Eindruck als gehörlos hinterlässt, erschließt sich nicht. Liegt es an der doppelten Stigmatisierung taub und stumm, weil in den Köpfen der breiten Bevölkerung zwei Behinderungen zusammenfließen („Oh mein Gott, der kann NICHT hören und NICHT sprechen“) und deshalb eine besonders hohe Erregungsstufe zum Mitleid geweckt wird?

Es ist also kein Wunder, wenn die Bezeichnung taubstumm gehörlosen Personen nicht gefällt, fühlen sie sich doppelt diskriminiert, zumal das Wortteil ’stumm‘ auch eine gewisse Nähe zu dem Wort ‚dumm‘ enthält. In den Jahrhunderten zuvor waren die Dorftrottel früher oft gehörlose Menschen, weil sie nicht kommunizieren konnten und auch keine Bildung hatten. Sie waren schlichtweg doof. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass es in der indogermanischen Sprachfamilie große Ähnlichkeiten gibt. So werden im Englischen die Gehörlosen als Deaf und im Holländischen als Doven bezeichnet. Auch das englische dumb für stumm zeigt, wie eng die Begriffe beieinander liegen

Dass diese doppelte Stigmatisierung vielen Gehörlosen nicht gefällt, liegt auf der Hand. Entsprechend war der Widerstand für ein neues Wort nicht groß und so ließen es viele Gehörlose gewähren, dass die Taubstummen-Lehrer in den 30iger Jahren fortan nicht mehr von taubstumm, sondern von gehörlos sprachen. Dieser Begriff hat sich stark verbreitet, was noch gut erkennbar an den Verbänden oder Vereinen dieser Gemeinschaft ist, welche sich Deutscher Gehörlosen-Bund oder Gehörlosenverband Hamburg nennen.

In den letzten Jahren gibt es allerdings vermehrt Stimmen und Bestrebungen, den Begriff gehörlos abzulösen und durch andere zu ersetzen. Denn auch die Endung -los signalisiert einen defizitären Zustand, ähnlich wie bspw. arbeits-los. Hiervon möchte man sich gerne lossagen und einen anderen Aspekt in den Fokus setzen. Denn wirklich sprach-los sind die Gehörlosen ja nicht. Mit der Gebärdensprache haben sie ja eine eigene Sprache, mit der sie sich ausdrücken und kommunizieren können. Es geht ihnen weniger um die Sprechfähigkeit, dafür mehr um ihre Kommunikationsfähigkeit. In diesem Sinne passt weniger das -los im gehörlos noch das stumm im taubstumm. Was bleibt übrig? Taub! Dieses Wort bekommt in den letzten Jahren einen starken Zuspruch, zumal es den Zustand des Nicht-hören-Könnens exakt beschreibt.

So sehr ich diese Denke nachvollziehen kann, unterstützen kann ich persönlich diese Bezeichnung nicht. Eine Umbenennung vom Deutschen Gehörlosen-Bund in den Deutschen Tauben-Bund mag noch witzig anmuten, weil es nach einem Vogelverband klingt. Der Spaß hört meines Erachtens aber in der eigentlichen Bedeutung des Wortes taub auf. Denn taub ist nicht positiv. Schaut man in diversen Nachschlagewerke nach, stößt man auf Begriffe wie ‚empfindungslos, kalt, abgestorben, stumpfsinnig‘. Wollen taube Menschen wirklich damit assoziiert werden? Ein anderer Aspekt ist: Taube Menschen wollen nicht, dass hörende Menschen in ihre Sprache, in die Gebärdensprache eingreifen. Wie kann dann im umgekehrten Fall ein tauber Mensch in die Sprache der Hörenden eingreifen und vorschreiben, wie man sie zu nennen hat?

Gibt es noch andere Bezeichnungen? Im großen Kontext spricht man von behinderte Menschen oder Menschen mit Behinderung. In Anlehnung dazu spricht man dann auch von hörbehinderten oder von hörgeschädigten Menschen. Gehörgeschädigte Menschen habe ich hier auch schon in Erfahrung bringen dürfen. Hinter allen diesen Bezeichnung steckt eine medizinische Sichtweise, die das Ziel hat, Defizite auszugleichen. In diesem Modell sind alle (hör)behinderte Menschen nicht vollwertig, krank und müssen „geheilt“ werden. Der defizitäre und damit auch negative Aspekt durchdringt alle diese Begrifflichkeiten. So gesehen ist es kein Wunder, wenn unsere Gesellschaft sich mit behinderten Menschen schwer tut.

Neulich habe ich ein Vortrag für behinderte Existenzgründer gehalten. Es ging in erster Linie darum, von meinen persönlichen Erfahrungen zu berichten und auch wertvolle Tipps aus meiner 15-jährigen Selbständigkeit zu geben. Ein wichtiges Thema war: Soll ich sagen, dass ich behindert bin? Bei diesem Thema habe ich einen Screenshot von Google gezeigt. Im Suchfeld hatte ich zuvor ‚behindert‘ eingegeben und statt die Textsuche die Bildersuche eingestellt. Was war zu sehen? Es ist unglaublich. Man sieht lauter nett lächelnde Menschen, die ein wenig dämlich aus der Wäsche gucken. Meine rhetorische Frage dazu war: „Würden Sie einem solchen Menschen zutrauen, dass er ein Geschäft führt kann und sie kaufen bei ihm ein?“ Man mag einwenden, dass das gemein ist. Aber: das ist das Bild, was unsere Gesellschaft von behinderten Menschen hat. Es ist nicht positiv.

Dessen bewusst, gilt es also, Begriffe positiv zu besetzen (sehr schwer!) oder Begrifflichkeiten auszutauschen. Für Gehörlose ist Gebärdensprache positiv, da von großen Nutzen und von Vorteil. Weg von der Sichtweise der Behinderung hin zu einer Sprachgemeinschaft. Also: Gebärdensprach-Gemeinschaft oder feiner: Gebärdensprachler. Klingt so wie: Ich bin Engländer, ich bin Franzose. Warum eigentlich nicht? Und dennoch: Ich stolpere über das deutsche Wort Gebärde. Umlaut! Mag ich weniger, weil deutsch und nicht international verständlich. Zudem bleibt im Hinterkopf auch die Redewendung: „Wie gebärdet der sich denn?“ Bis heute bleibt es für mich schleierhaft, wie man in den 80-iger Jahren von Sign Language auf Gebärdensprache gekommen ist. Was haben die damals auf dem Rückflug von der Gallaudet Universität getrunken oder warum ist ihnen nichts Besseres eingefallen?

Nun bin ich auch ein Freund von positiv besetzen und wage hier einen eigenen Versuch: Was haltet ihr von VOP = Visuell orientierte Person (im englischen Visual oriented person)? Das sind Menschen, deren Wahrnehmung überwiegend über die Augen erfolgen und entsprechend ist ihre Kommunikation ausgerichtet: Schreiben, zeichnen, Lippenlesen, gebärden. Das gilt besonders für Menschen, bei denen das Hören und Sprechen in der Kommunikation eine untergeordnete Rolle spielt und ist unabhängig vom Hörgrad. Damit wird der Kreis der Menschen, die diese Kommunikationsform wählen kann, größer als der der Menschen mit Hörbehinderungen. Dieser erweiterte Kreis löst sich vom Hintergrund einer Behinderung, da eine visuelle Sprache (und ihre Kultur) im Vordergrund steht. Es liegt an uns Gehörlosen selbst, wie das sich entwickelt. Noch ist der Zug nicht abgefahren. Wenn wir uns als Träger und Hüter einer visuellen Sprache öffnen, haben wir Chancen, dass unsere Sprache und Kultur überleben kann – unabhängig davon, was in der Welt an technischen Innovation noch passiert.

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