Im Interview: Ralph Raule – einer der es wissen muss.

Wir sitzen in einem sehr aufgeräumten Büro in der Gotenstraße in Hamburg. Ich habe etwas Bauchgrummeln, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Ein Interviewtermin mit Ralph Raule zu der Frage von Raul Krauthausen (“Wie wird es möglich, mehr Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen?).

Wer ist dieser Ralph Raule? Kann ich mich verständlich machen und kann ich ihn verstehen? Schließlich bin ich beim Gebärdenwerk.

Meine Anspannung löst sich, als er mit einem Mitarbeiter den Raum betritt. „Sicher ist das der Dolmetscher“, denke ich noch kurz und schon bekomme ich den ersten kecken Spruch von Ralph um die Ohren. Wir lachen und meine Anspannung löst sich – ich kann alles verstehen und er versteht mich auch. Wovor hatte ich Angst?

Ich sitze nun dem Mann gegenüber, der sich extrem für die Rechte von behinderten Menschen einsetzt. Noch viel wichtiger für mich ist: Er ist gehörlos und dennoch Gründer und Geschäftsführer eines Unternehmens. Seine Augen funkeln und ich kann die gute Energie meines Gegenübers wahrnehmen. „Unglaublich“, denke ich und wir plaudern über ihn und seine Familie, seine Kindheit. Aufgewachsen ist er in einer Unternehmerfamilie, die Ralphs berufliches Fortkommen eher bei einer staatlichen Stelle sah. „Was für eine Energie braucht es, um sich trotz dieser fast schon typischen Zweifel einer Familie selbstständig zu machen?“ Ich verkneife mir diese Frage, denn das ginge für ein erstes Treffen zu weit. Aber ich bin vorbereitet und stelle zunächst die Fragen, die mir vor dem Treffen wichtig erschienen.

Nikias Thörner | Conigo (NT): Lieber Herr Raule, lieber Ralph, ein Unternehmen zu gründen ist schon als Nichtbehinderter nicht ganz einfach. Warum hast du diesen Prozess auf dich genommen?

RR: Ich wollte immer was unternehmen, habe immer die Missstände gesehen, hatte immer Lösungen parat. Ich bin Unternehmer aus Leidenschaft. Still sitzen? Schwierig. Gedanken ruhen lassen? Unmöglich. Ich schlafe mit Ideen ein und stehe am Morgen danach tatkräftig auf. Es muss in meinem Blut liegen. In meinem gesamten familiären Umkreis sind alle unternehmerisch tätig. Selbst meine Behinderung konnte mich von meiner Bestimmung nicht abhalten. Ich bin nicht aus der Not heraus Unternehmer geworden, nicht weil ich keinen Job gefunden habe, sondern weil ich vor Tatendrang sprühe und mich nicht abhalten lasse. „Du bist behindert, du kannst dies nicht, das nicht!“ Wie oft musste ich mir das in jungen Jahren anhören. Irgendwann war mir klar, dass ich anderen ausgeliefert bin, wenn ich mich auf andere verlasse und nur Spielball der Interessen anderer bin. Aus diesem Kreislauf wollte ich ausbrechen.

NT: Na ja, und dann gibt es doch sicher auch die Zweifel, alles zu schaffen und Hürden alleine zu nehmen?!

RR: Zweifel? Sicher, immer wieder. Vor allem, wenn man Lob und Anerkennung nur dann bekommt, wenn man signifikant besser war als die anderen, als die Nichtbehinderten. Welche teilweise unermessliche Leistung ich erbringen musste, damit ich nur ebenbürtig war, kann man sich kaum vorstellen. Aber ebenbürtig sein, das reichte nicht, um das Stigma zu durchbrechen, das einen behinderten Menschen umgibt. Unsere Gesellschaft lebt davon zu wissen, was andere können und was sie sind. Bilder können nicht täuschen. Google zeigt das deutlich. „Behindert“ bei der Bildersuche von Google zeigt lauter dämlich-fröhlich dreinschauende Menschen. „So sehen also Behinderte aus“, muss man denken, wenn man das sieht. Und im Unterbewusstsein taucht dann unwillkürlich die Frage auf: „Würdest du solchen Menschen etwas anvertrauen?“

NT: Sicher nicht, und es gibt ja auch sehr unterschiedliche Behinderungen. Bei dir zum Beispiel merke ich die Behinderung nicht. Sie ist natürlich da, aber … und das ist nicht böse gemeint … sie spielt zwischen uns, für mich, keine Rolle. Wie kann das sein?

RR: Du hast recht, es gibt sichtbare und weniger sichtbare Behinderungen. Man muss auch dazu ergänzen, dass viele behinderte Menschen nicht über die finanziellen Mittel verfügen, sich bspw. gut zu kleiden, sodass man ihnen auch ihren sozial schwachen Stand ansieht. Das prägt. Bestimmte Bilder hat man im Kopf, auch von behinderten Menschen. Wenn man dann damit konfrontiert wird, schalten sich bestimmte Verhaltensmuster ein. Das sind zum Teil fast schon Abwehrreflexe, die sich da einstellen. Wir sind es ja in unserer Gesellschaft nicht gewohnt, mit behinderten Menschen umzugehen. Wie auch, wenn sie von klein auf mehr oder weniger separiert werden und in diversen Einrichtungen, ausgeklammert von der Gesellschaft, leben? Da will ich den meisten Menschen keinen Vorwurf machen, wenn sie den Umgang nicht beherrschen, auch wenn es vom Grunde her nicht richtig ist.

Ein ganz anderer, aber wichtiger Punkt in dieser Sache ist: Wie gehe ich selbst als behinderter Mensch mit meiner eigenen Behinderung um? Beeinträchtigt sie mich oder habe ich sie akzeptiert? Falls ich gelernt habe, damit umzugehen, kommt der nächste Schritt: Habe ich Lösungen für das, was anders ist? Und: Kann ich das anderen vermitteln? Wenn ein behinderter Mensch den Sprung vom problem- zum lösungsorientierten Denken schafft, dann wirkt es so, als ob die eigene Behinderung nicht wirklich vorhanden ist, bzw. dem Gegenüber fällt sie weniger auf.

In Bezug auf meine Person und meine Behinderung, warum fällt die Behinderung weniger auf? Eine Hörbehinderung oder gar das Taubsein ist eine Einschränkung in der Kommunikation. Ich sage jetzt aber auch eine „scheinbare“ Einschränkung. Viele Gehörlose sehen im Taubsein keine Behinderung, weil sie die Gebärdensprache haben und damit auch Zugang zu ihrer eigenen Welt und Kultur. Sie empfinden sich eher als sprachliche Minderheit, so wie es bspw. dänischsprachige Menschen in Schleswig-Holstein gibt. Die meisten Menschen können halt Lautsprache, haben einen anderen Modus, sprechen und hören, statt wie wir Gehörlose zu schauen und zu gebärden. Wenn man es genau nimmt, hinkt der Vergleich auch nicht, denn es leben weltweit (nach dem Weltverband der Gehörlosen, dem WFD) über 77 Mio. Menschen auf der Welt, die nicht hören können. Das sind fast so viele Menschen, wie in Deutschland leben.

Um zurück auf mich zu kommen: Ich kann also etwas, das andere nicht können, ich kann richtig gut kommunizieren, in beiden Welten, mit der Gebärdensprache und auch mit der Lautsprache. Diese Kombination ist meine Stärke, eine Waffe fast schon. Ich bin Menschen nicht gleichgültig, ich polarisiere auch. Zum Teil auch bewusst, um zum Nachdenken anzuregen. Insofern empfindest du das wahrscheinlich weniger als „behindert“, sondern als Öffnung zu etwas Neuem, das du so noch nicht kennengelernt hast und dich nun fasziniert.

Das, was ich jetzt hier beschreibe, hat meiner Meinung nach gar nichts mehr mit einer Behinderung zu tun, sondern ist einfach eine Gabe und meine Gehörlosigkeit setzt quasi das i-Tüpfelchen drauf. Das zieht offenbar viele Menschen in meinen Bann – wenn ich das so sagen darf.

NT: Wenn wir uns auf Rauls Frage konzentrieren, dann geht es ja darum, ob es ein Rezept, ein Vorgehen gibt, wie mehr Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt kommen. Was sind für dich ganz sachliche Rezepte?

RR: Es gibt aus meiner Sicht zwei wesentliche Dinge: Wie oben schon angedeutet, müssen behinderte Menschen lernen, sich selbst mehr zuzutrauen und für sich eine ganz bestimmte individuelle Stärke zu finden. Ich behaupte, jeder Mensch hat etwas, das ihn besonders und einzigartig macht – ob nun durch seine Behinderung oder durch etwas anderes, das ist egal. Diese besondere Eigenart gilt es zu finden und zu trainieren, sodass man ein besonderes Merkmal hat und sich von anderen Menschen unterscheidet. In dem Zusammenhang muss man dann auch schauen, ob man das auch berufsmäßig nutzen kann. Wichtig ist, dass behinderte Menschen sich auch überwinden müssen. Das ist für viele eine enorme Herausforderung und es kostet eine große Überwindung, den bequem eingerichteten Platz der Fürsorge zu verlassen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Selbstbestimmung ist unbequem und anstrengend, ja. Was ich sage, klingt sehr hart, kalt und unbarmherzig. Es ist richtig, wir haben auch Menschen in unserer Mitte, die immer volle Unterstützung und Verpflegung brauchen. Aber das sind nur wenige. Die meisten behinderten Menschen werden unselbstständig bis hin zur Unmündigkeit „gemacht“, weil wir auf der anderen Seite inzwischen eine große soziale Industrie haben, die ihre Daseinsberechtigung subtil mit viel Lobbyarbeit manifestiert. Ein Beispiel dafür ist die rasante Zunahme der Plätze in den Behindertenwerkstätten, welche beängstigend ist. Hier wird suggeriert, dass Parallelwelten notwendig sind und ihre Berechtigung haben. Aber all das hat einen Preis und auch Auswirkungen auf unser alltägliches Zusammenleben.

Und damit kommen wir zum zweiten Aspekt, das ist unsere Gesellschaft, die offenbar auch bereit ist, diesen Preis zu zahlen. Hier ist ein Umdenken angesagt. Wir müssen lernen und begreifen, dass in jedem Menschen etwas Besonders steckt, und das auch zulassen. Momentan sind wir sehr stark in unserem medizinischen Modell gefangen und versuchen die Menschen zu „reparieren“, wenn sie von der „Norm“ abweichen. Das Bundesstatistikamt sagt uns, wie der durchschnittliche Mensch ist oder zu sein hat, und die DIN-Normen sagen uns, wie Dinge zu sein haben. Diese durchgreifende Standardisierung lässt keinen Platz für rechts oder links und lässt uns glauben, dass wir so effizienter arbeiten und leben können.

Es wird dabei aber übersehen, dass viele Menschen aus diesem Raster herausfallen. Man spricht dann von einem „Kollateralschaden“ und nimmt in Kauf, dass 30–40 % der Menschen in Deutschland am Rande der Gesellschaft leben.

Es führt auch dazu, dass das „Anderssein“ bislang in Deutschland einen schwierigen Stand hat und von jedem Bürger hierzulande erwartet wird, dass er sich diesem Anpassungszwang unterwirft, wenn er in unserer Gesellschaft gleichberechtigt leben will. Mit dieser Haltung beraubt sich aber Deutschland seiner Zukunft. Wir sind dabei, eine überalterte Gesellschaft zu werden, und dadurch gehen uns die Arbeitskräfte aus. Es wird jetzt schon von unbesetzten Stellen und über Fachkräfte-Mangel gesprochen. Wir kommen allmählich in die Situation, hier umdenken zu müssen. Unser demografisches Modell erlaubt es uns nicht mehr, den Anpassungszwang stringent durchzuhalten. Wir müssen uns langsam den Rändern unserer Gesellschaft zuwenden und uns dem Anderssein, einer gewissen Vielfalt öffnen, wollen wir Deutschland langfristig nicht an die Wand fahren. Das bedeutet auch, wir müssen unseren Umgang und unsere Einstellung gegenüber behinderten Menschen ändern und überlegen, wie wir sie als vollwertige Arbeitskräfte bei uns einbinden können, d.h., es gilt künftig die Frage zu lösen, wie wir die Arbeitsplätze an die Menschen anpassen können, damit diese leistungsfähig sind. Das alte Prinzip des Taylorismus, das besagt, wie sich die Menschen an den Arbeitsplatz anzupassen haben, damit eine rein ökonomische Effizienz herrscht, hat ausgedient.

Alles das, was ich hier ausführe, klingt natürlich sehr theoretisch, das kann man locker so dahersagen. Ich will aber am Beispiel unseres Unternehmens, der Gebärdenwerk GmbH, zeigen, was ich damit konkret meine. Als wir vor 14 Jahren angefangen haben, gab es viele Bereiche und Qualifikationen nicht, die wir für Übersetzungsleistungen gebraucht haben. Vieles haben wir neu entwickelt, haben wir uns angeeignet. Wir kamen aus unterschiedlichen Berufen, teils auch aus völlig fachfremden Bereichen. Was uns geeint hat: unsere Sprache, die Gebärdensprache, und die Visionen dahingehend, dass wir Dienstleistungen, Produkte für die Gehörlosen und für die Gebärdensprache brauchen. Entsprechend haben wir geschaut, was bei den Gehörlosen vorhanden ist, was sie können, was nicht. Das galt auch für die hörenden Mitarbeiter, die wir eingestellt haben. Wichtig war, dass wir alle in der Gebärdensprache kommunizieren. Eine verkehrte Welt.

In diesem Zusammenhang haben wir dann auch geschaut, was können wir leisten, was müssen wir leisten für unsere Kunden. Manchmal versuchen wir auch an den Anforderungen der Kunden zu schrauben, weil sie oft keine konkrete Vorstellung davon haben, was Gehörlose wirklich benötigen. In dieser Hinsicht beraten wir unsere Kunden und sorgen dafür, dass sie auch wirklich die Zielgruppe der gehörlosen Menschen erreichen können. Es ist eine andere Sichtweise nötig, um das leisten zu können. Die Anpassungsleistung an die gehörlosen Mitarbeiter führt also auch dazu, die Anforderungen der Kunden zu verändern und anzupassen. Es klingt ein wenig verrückt, vor allem wenn man bedenkt, dass viele Menschen im Service-Bereich dazu angehalten werden, den Kunden als König zu behandeln. Bei uns hat dieses Prinzip aus guten Gründen Grenzen. Es kann in letzter Konsequenz auch dazu führen, dass wir bestimmte Aufträge nicht annehmen, weil wir die Sinnhaftigkeit eines Auftrages nicht erkennen.

Unabhängig davon, dass wir bestimmte Anpassungsleistungen vonseiten unserer Kunden erwarten, sind wir als Unternehmen trotzdem ins große Geflecht der Wirtschaft eingebunden und können nicht allem „entfliehen“. So sind wir bspw. bei der Kommunikation mit der Außenwelt auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen und bekommen auch Zuschüsse vom Integrationsamt, um das bewerkstelligen zu können. Was ich hier sehr banal schildere, ist aber nicht ganz so einfach zu bekommen, auch wenn das gerne suggeriert wird. Das Antragsverfahren mag noch einfach sein, aber wenn es dann um die Nachweise geht, z. B. zur Berechtigung einer bestimmten Leistung, dann führt das oft auch hin zu einer Diskussion der Sinnhaftigkeit. Und dann sind wir wieder an der Stelle, die ich oben schon beschrieben habe. Es liegt dann im Auge des Betrachters, ob eine Förderung erfolgt. Das gilt besonders für unseren Bereich, weil wir fast alles komplett neu aufgebaut haben und es so gut wie keine Vergleichsmöglichkeiten gab, an denen sich bspw. das Integrationsamt, die Bundesagentur für Arbeit oder auch die Banken orientieren konnten. Gerade in der Startphase, in der man an tausend andere Sachen denken muss, war die Bürokratie nicht sehr förderlich. Lange Zeit hingen wir in der Luft und wussten nicht, ob unsere Gebärdensprach-Dolmetscher auch wirklich bezahlt werden. Diese finanzielle Unsicherheit gerade in der Anfangsphase nagt an den Nerven, weil damit fast alles steht und fällt. In diesem Zusammenhang habe ich zuweilen schon zu spüren bekommen, dass es außerhalb des Vorstellungsrahmens lag, dass behinderte Menschen sich selbstständig machen. Würde man von einem Unternehmen angestellt werden, dann bekäme das Unternehmen satte Zuschüsse für diese Anstellung. Der gleiche Mensch aber, der sich selbstständig macht, bekommt diese finanzielle Zuwendung nicht.

Da passt auch das Modell des Integrationsunternehmens. Fast witzig mutete in der Anfangsphase der Gedanke einer Gründung als Integrationsunternehmen an. Wir waren drei Gehörlose, die gründen wollten. Nach den gesetzlichen Vorgaben, die besagten, dass mindestens 25 %, aber höchstens 50 % behinderte Menschen in einem Integrationsunternehmen tätig sein können, hätten wir erst mal drei nichtbehinderte Menschen einstellen müssen, um Förderungen als Integrationsunternehmen zu erhalten.

Ich kenne da noch weitere Beispiele, die alle zeigen, dass man unterstellt, dass immer Nichtbehinderte „zum Wohle behinderter Menschen“ gründen, aber nicht umgekehrt. So verwundert es dann auch nicht mehr, wenn man bei der Kundenakquise mit der Frage konfrontiert wird, wieso man denn als behinderter Mensch noch Geld wolle, schließlich bekämen doch alle Behinderten staatliche Alimente.

Einen wichtigen und letzten Aspekt möchte ich noch auf die Frage nach einem sachlichen Rezept nennen. Ich werde hier jetzt ganz tief in ein Wespennest stechen und ich sehe schon viele Menschen aufjaulen, wenn sie das hier lesen werden. Viele Menschen feiern den besonderen Schutz vor Kündigungen bei behinderten Menschen. Ich persönlich halte davon nicht viel. Aus meiner Erfahrung heraus ist das eine große Hürde bei der Einstellung behinderter Menschen und führt dazu, behinderte Menschen erst gar nicht zum Vorstellungsgespräch einzuladen. Sie bekommen so erst gar nicht die Möglichkeit, sich zu zeigen und zu beweisen. Selbst in dem Fall, dass es dennoch zu einer Einstellung kommt, führt es eher zu einem befristeten Arbeitsverhältnis. Das ist eigentlich nicht das, was behinderte Menschen wollen. Viele wollen eine echte Chance, um sich beweisen zu können. Insofern sage ich: „Weg mit dieser Hürde“ – gerade bei Einstellungen von jungen und leistungsfähigen behinderten Menschen – und damit auch weg mit dem Stigma „Behinderte kann man nicht einstellen, weil man sie nicht feuern kann“. Wenn behinderte Menschen eine richtige Ausbildung bekommen, wenn sie die gleichen Chancen und Zuwendungen wie andere auch bekommen, dann sieht die Welt schon ein bisschen anders aus. Gerade in jungen Jahren glaubt man alles, was man von den Erwachsenen, von den Vorbildern gesagt bekommt. Das muss im Prinzip auch so sein. Das Problem ist nur: Wenn dort gesagt wird, du schaffst es nicht, du hast Probleme, dann glaubst du das leider auch. Wenn einem jungen Menschen gesagt wird, dein Weg ist vorgezeichnet, die Sackgasse heißt Behindertenwerkstatt, dann glaubt der das irgendwann wirklich und begehrt nicht auf.

Als die Diagnose stand, ich sei nahezu taub, hat damals ein Frankfurter Professor meiner Mutter gesagt, dass sie nicht zu hohe Erwartungen in mich stecken solle. Wenn es ein Handwerksberuf werde, wäre das schon klasse. Ich war damals vier Jahre alt. Meine Mutter hat getobt, vor Wut geschäumt, war der Verzweiflung nahe, wollte mit dem Auto gegen einen Baum fahren. Ich hatte zweierlei Glück: Es gab noch einen jüngeren Bruder, der dadurch auch bestraft worden wäre. Und: In meiner Familie kennt man Aufgeben nicht wirklich. So haben wir uns des Themas angenommen und die Ärmel hochgekrempelt. Das war nicht immer einfach, vor allem auch weil das Umfeld immer diesen defizitorientierten Blick daraufhatte. Das war in den 70er Jahren. Daran hat sich bis heute nicht wirklich viel geändert, was die Einstellung gegenüber behinderten Menschen angeht. Es wirkt sich damit praktisch über die gesamte Lebensspanne eines Menschen aus und es dauert Generationen, bis sich in den Köpfen der Menschen etwas ändert.

NT: Wir haben mit verschiedenen freien Jobportalen gesprochen. Keiner ihrer Vertreter wollte sich zu dem Thema äußern. Haben die keine Idee oder ist das einfach nicht wichtig genug?

RR: Dazu kann ich jetzt wenig sagen. Nicht äußern heißt ja nicht zwangsläufig, dass sie keine Ideen haben oder dass ihnen das nicht wichtig ist. Ich würde eher darauf tippen, dass sie lieber nichts Falsches sagen wollen. Andererseits weiß ich bspw., dass wenn man zur Bundesagentur für Arbeit geht und sich dort arbeitslos meldet und dann etwas von Kenntnissen in Gebärdensprache stammelt, sie schon nicht mehr wissen, was sie mit einem anfangen sollen.

Eine Kategorie oder das Merkmal Gebärdensprache gibt es bei der Bundesagentur für Arbeit nicht. Umgekehrt kann ich als Arbeitgeber auch nichts von der Bundesagentur für Arbeit erwarten, wenn ich nach potenziellen Arbeitskräften suche, die was mit Gebärdensprache zu tun haben. Meine Mitarbeiter finde ich über persönliche Kontakte, nicht über den offiziellen Stellenmarkt. Und ich denke, das ist in vielen anderen Bereichen auch so. Es gibt bestimmte Kategorien, da passt man rein oder man fällt durch das Raster.

NT: Während unserer Umfrage haben wir mit Leuten gesprochen, zugegeben mit sehr wenigen, die versucht haben, eine Lösung zu finden. Die sagten, dass eine Behinderung auch eine Begabung sein kann, was in einem Bewerberprofil auch verdeutlicht werden sollte. Für einen extrem mathematischen Job als Programmierer wäre ein Autist mit entsprechender Begabung besser zu finden, wenn diese Angaben in einer Suchmaske abgefragt werden könnten. Ist das eine Lösung oder ist das diskriminierend?

RR: Ich habe vorhin schon gesagt, dass ich Spezialisierung als richtigen Weg empfinde. Das ist für mich nicht diskriminierend. Diskriminierend ist es, wenn ich jemanden aufgrund eines bestimmten Merkmals oder einer Eigenschaft ablehne, obwohl er von der Qualifikation her gut passen würde. Ich glaube aber, das wird künftig immer weniger passieren, weil man bald händeringend nach Personal sucht und sich den „Luxus“ der Gleichschaltung nicht mehr leisten kann.

NT: Beim Thema „Ausgleichsabgabe“ fällt oft der Begriff „Ablasshandel“. Was ist damit genau gemeint?

RR: Genauer gesagt: „moderner Ablasshandel“, weil es mit Martin Luther und Reformation nichts zu tun hat, aber das Prinzip das gleiche ist. Ich beziehe mich hier auf das System der Ausgleichsabgabe, bei der ab einer bestimmten Betriebsgröße eine Quotenregelung für die Beschäftigung von behinderten Menschen gilt. Die meisten Arbeitgeber ziehen es vor, eine Abgabe zu zahlen, anstatt die Quote zu erfüllen, d. h, sie kaufen sich quasi frei, entziehen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Das nenne ich einen „modernen Ablasshandel“.

Der Clou an dem System ist nun: Die wenigsten wissen, dass man für den Fall einer Beschäftigung behinderter Menschen erhebliche Zuschüsse bekommen kann. Solange dieses Unwissen oder auch das bewusste Vermeiden der Auseinandersetzung mit behinderten Arbeitnehmern Bestand hat, also mehr Arbeitgeber in den Topf der Ausgleichsabgabe einzahlen, als sich Arbeitgeber daraus bedienen, so lange funktioniert das System. Was aber passiert, wenn nun ein Umdenken bei den Unternehmen einsetzt und plötzlich mehr Arbeitgeber behinderte Menschen beschäftigen und sich alle aus dem Topf bedienen wollen? Dann zahlen weniger ein als die, die sich auszahlen lassen. Dann bricht das System zusammen. Es funktioniert also so lange, wie es eine behindertenfeindliche Haltung unter den Arbeitgebern gibt. Das ist an sich abartig, denn eigentlich hat das System der Ausgleichsabgabe das Ziel, behinderte Menschen in die Betriebe zu bringen.

NT: Du meinst also, dass keine wirkliche Lösung gewollt ist, oder lässt sich das so nicht pauschalisieren? Vielleicht müssten nur Kleinigkeiten umgestellt werden? Und natürlich gibt es bei Nichtbehinderten auch immer eine kleine Hemmung. Ich muss zugeben, auch ich wusste nicht, wie unser Treffen heute verläuft. Sind es die Bretter vor dem Kopf, die uns Integration nicht richtig leben lassen? Ist Integration nicht schon ein unpassendes Wort? Denn wo sollen denn die Behinderten jetzt sein, wenn sie erst integriert werden müssen?

RR: Damit wir das klar verstehen und unterscheiden können: Wir reden neuerdings von Inklusion, oft und gerne wird das mit Integration verwechselt. Daher ein kurzer Hinweis auf die Begrifflichkeiten. Wenn wir von Integration reden, und das ist jetzt schon seit Jahrzehnten so, dann meinen wir, dass wir das wieder zusammenführen, was wir zuvor (erfolgreich) separiert haben. Kinder werden Fördereinrichtungen (man beachte dieses Wort!) zugewiesen, wenn sie Defizite haben, also der Allgemeinheit entzogen. Der gewöhnliche Mensch bekommt in seiner Schulzeit keinen Behinderten zu Gesicht. Man trifft diese eher zufällig in der Familie und weiß dann nicht so recht, wie mit ihnen umzugehen ist. Eine Integration soll dann im Berufsleben gelingen. Das bedeutet, Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird zugemutet, hier Integrationsleistungen für die allgemeine Gesellschaft vorzunehmen, was diese im Allgemeinen verhindert. Eine hohe Kunst! Woher soll ein Arbeitgeber wissen, wie er mit behinderten Menschen umgehen soll, wenn selbst die Allgemeinheit es nicht weiß? Da helfen auch gut gemeinte Fördermittel und -instrumente nicht wirklich weiter. Ich denke, das wurde zum Teil erkannt und hat zu einem Umdenken, einem sogenannten Paradigmenwechsel in der Politik und auch zum neuen Schlagwort Inklusion geführt. Der Ansatz ist nun, gar nicht mehr erst zu separieren, sondern gleich alles zusammenzuführen, sodass eine Integrationsleistung gar nicht erst anfällt. Das hat zur Folge, dass nun den Kindergärten und Schulen die Aufgabe zufällt, die man zuvor den Firmen auferlegt hat. Der Ansatz ist nicht verkehrt und der Vorteil liegt auf der Hand: Menschen lernen von früh auf, sich mit den unterschiedlichsten Formen des Menschseins auseinanderzusetzen. Kinder haben zudem wenig Vorbehalte. Es sind immer wir Erwachsene, die im Hintergrund agieren und die unterschiedlichen Wertvorstellungen in die Köpfe unserer Kinder einpflanzen. So gut der Ansatz der Inklusion gemeint ist, muss man aber leider auch sagen, dass das gesamte Vorhaben sehr stark ideologisch geprägt ist. Zurzeit stehen einfach zu wenig Ressourcen für eine richtige Inklusion zur Verfügung. Es gibt zu wenig Lehrer, es gibt zu wenig geschulte Kräfte, es gibt zu wenig Informationen zu dieser hehren Idee und wir laufen Gefahr, dass die gut gemeinten Ansätze an den Widrigkeiten der Realität scheitern. Wenn ich bspw. die Gruppe der Gehörlosen anführe, dann sage ich ganz klar, dass derzeit die Voraussetzungen für eine Inklusion von gehörlosen Kindern an den normalen Schulen nicht gegeben sind. Lediglich einen Gebärdensprach-Dolmetscher an die Seite eines gehörlosen Schülers zu stellen, das ist keine Inklusion. Bei Gehörlosen wäre richtige Inklusion, wenn auch das Umfeld die Gebärdensprache lernt und einsetzt, sodass jeder mit dem Gehörlosen direkt kommunizieren kann. An diesem Punkt greifen sich die meisten Menschen an den Kopf und sagen, das sei nicht leistbar, nicht jeder könne Gebärdensprache lernen. Warum eigentlich nicht? Gebärdensprache kann man weltweit einsetzen und sich damit einfacher und schneller austauschen als bspw. auf Englisch. Es gibt noch weitere Vorteile, warum man visuell kommunizieren können sollte. Ich will das hier nicht weiter ausführen, sondern mehr auf das zurückkommen, was ich oben schon genannt habe: Es geht darum, die individuellen Stärken der Einzelnen hervorzuheben und die wunderbare Vielfalt von uns Menschen kennenzulernen und zu schätzen. Das hat rein gar nichts mehr mit behinderten Menschen zu tun und ist ein allgemeines Thema, das uns alle angeht. Tagtäglich und immer wieder.

Letzte Worte von Nikias Thörner

Das ich bei einem Gehörlosen mal kaum zu Wort komme, habe ich nicht vermutet. Es war ein sehr interessantes Projekt und ich habe viel gelernt. Gelernt über Leute, gesetzliche Gegebenheiten und über zwei Welten, die nach wie vor für sich existieren. Die Gräben scheinen tiefer zu sein, als angenommen und das sich Nichtbehinderte in den verantwortlichen Positionen in den Unternehmen mit der Frage von Raul nicht beschäftigt haben, erscheint unter den Gegebenheiten nur logisch. In unserem täglichen Tun gehen wir immer davon aus 100 % zu Wissen. Am Tagesende stellen wir fest, es waren nur 98 % die wir durch dazulernen wieder zu 100 % gemacht haben. Es ist Zeit unser Rollenverständnis aufzubrechen, Grenzen zu überwinden, aufeinander zuzugehen und dadurch: Dazuzulernen.

Für mich persönlich bleibt es eine Unstimmigkeit von Inklusion zu sprechen, wenn diese Menschen bereits mitten unter uns sind.

Nikias Thörner | https://consigo-cbc.com/

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