Achtung, Radfahrer!

Das Verhältnis schwerhöriger Menschen zu Gehörlosen und andersherum

Zu meinem beruflichen Wirken gehört es auch, Seminare und Workshops für hörende Menschen abzuhalten und sie darüber zu aufzuklären, wer und wie hörbehinderte Menschen sind und wie sie kommunizieren. Es ist eines der Tätigkeiten aus meinem Bereich, die ich sehr gerne und auch mit Leidenschaft betreibe. Zum Einen kann ich aus dem Nähkästchen plaudern und dabei sehr authentisch sein. Zum Anderen erfährt man sehr viel darüber, was ‚normale‘ Menschen wissen und wie sie über bestimmte Themen denken. Das ist zum Teil amüsant, zum großen Teil aber auch erschreckend, was da zutage kommt. Generell kann man sagen, dass viele Menschen keine Vorstellung darüber haben, was es heißt schwerhörig oder gehörlos zu sein und welche Probleme sie alltäglich zu bewältigen haben. Spannend wird es, wenn man tiefer forscht.

Neulich war ich in Berlin und mir kam spontan die Idee, einen Teilnehmer aus meinem Workshop einen Besuch abzustatten. So kam ich mit ihm und seinem Chef, einem Abteilungsleiter aus einem Bundesministerium, ins Gespräch. Beide arbeiteten schon jahrelang in einem vertrauensvollen Verhältnis zueinander und kannten sich recht gut. Bei dem Gespräch stellte sich nun heraus, dass beide in ihrem privaten Umfeld auch gehörlose Verwandte hatten und dadurch irgendwie das Thema kannten. Sie beide hatten aber erst durch mich feststellen können, dass sie auch in diesem Bereich eine Gemeinsamkeit hatten. Das ist einerseits amüsant, wenn sich beide angucken und sagen: „Was, Du auch?“, aber andererseits auch erschreckend, wie wenig sie dennoch vom Thema Gebärdensprache wussten, obwohl sie beide in ihrem persönlichen Umfeld Berührungspunkte hatten. Mir fällt es immer wieder auf, dass fast jeder Mensch einen Gehörlosen oder Schwerhörigen in seinem Umfeld kennt und dennoch fast nichts über ihn weiß. Dieses Unwissen, das finde ich so erschreckend. Denn hier wäre doch schon ein erster Ansatz für eine Lösung in der Kommunikation zu finden, wenn es einen Austausch gäbe. Aber genau, wir reden von einer Kommunikationsbehinderung.

Das zeigte sich auch an einem anderen Beispiel. Ein Teilnehmer hat mir erzählt, dass er mehrere gehörlose und schwerhörige Kollegen hätte und bemerkte, wie schwierig für ihn gerade die Kommunikation mit den Gehörlosen wäre. In diesem Zusammenhang kam ihm dann beim Seminar die Idee, dass er doch die schwerhörigen Mitarbeiter als Mittler für ihn und den Gehörlosen einsetzen könnte und fragte mich, ob denn es eine gute Idee wäre? Als ich das verneinte, sah er mich verblüfft an. Das hatte er nicht erwartet und war auch ein wenig enttäuscht. Eigentlich wäre das doch logisch, da Schwerhörige besser als Gehörlose kommunizieren könnten und genau in der Mitte zwischen Hörenden und Gehörlosen sein würde. Was er nicht wissen konnte: Gehörlose und Schwerhörige sind oft nicht an den gleichen Schule aufgewachsen, sondern zumeist getrennt und hatten auch inhaltlich, was die Gestaltung angeht, einen anderen Unterricht. Während Gehörlose im Prinzip nichts hören und somit technische Geräte keine großen Hilfen sind, sie deswegen in Gebärdensprache kommunizieren, ist das bei Schwerhörigen genau anders herum. Gebärdensprache ist in den Schulen für Schwerhörige kein Thema und wird nicht eingesetzt als visuelle Hilfe. Aber selbst wenn es sich um die gleiche Schule handelte, hatten die Gehörlosen andere Pausenräume als die Schwerhörigen. Auch in den Internaten wurde eine strikte Trennungslinie gezogen. Gehörlose kamen mit Schwerhörigen im Prinzip einfach nicht zusammen. Diese Beschreibung ist eine grobe Erklärung für die Unterschiede. Man muss aber viel subtiler vorgehen und tiefer greifen, um zu verstehen, was noch passiert in den Schulen und welche große Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Schwerhörigen und Gehörlosen hat.

In letzter Zeit habe ich mich oft gewundert, warum Schwerhörige fast schon allergisch auf Gehörlose reagieren, sie und die Gebärdensprache regelrecht ablehnen und auch nicht versuchen, mit den Gehörlosen in Kontakt zu kommen. Ich habe mich gefragt, warum ist das so. Auch auf politischer Ebene könnte die Zusammenarbeit zwischen den Verbänden der Schwerhörigen und der Gehörlosen besser laufen, denn wenn zwei sich streiten freut sich der lachende Dritte. Und das sind dann nicht die Gehörlosen oder die Schwerhörigen, sondern das ist dann die Politik. Wenn man hinschaut und hinhört, dann erfährt man, dass Gehörlose angeblich sich dominant verhalten und zu sehr auffallen würden. Schaut man genauer hin, stellt sich heraus, dass mit der Gebärdensprache ein sichtbares Element im Raum steht, das nicht zu übersehen ist. Dadurch sind die Gehörlosen, auch wenn sie sich ruhig verhalten, alleine durch die Anwesenheit der Gebärdensprach-Dolmetscher präsent. Schwerhörige dagegen haben gelernt, dass sie ja bloß nicht auffallen sollen und man am Besten oft die Hörbehinderung versteckt, wenn das möglich ist. Gehörlose können nichts verstecken, sie müssen offensichtlich kommunizieren, sonst stehen sie auf dem Schlauch.

Von einem dominanten Verhalten zu sprechen finde ich verfehlt. Die offensichtliche Kommunikation gehört zu Gehörlosen. Ohne das geht es nicht. Das hat nichts damit zu tun, dass sie sich gerne in den Mittelpunkt stellen wollen. Das wird ihnen aber von Seiten der Schwerhörigen unterstellt. Hier ist also im Umgang mit der eigenen Behinderung ein großer Unterschied zu erkennen. Gehörlose verstecken sie nicht, während Schwerhörige verschämt zur Seite schauen und nicht auffallen wollen. Die offene Kommunikation der Gehörlosen geht einher mit der Erkenntnis, dass Gebärdensprache eine vollwertige und inzwischen anerkannte Sprache ist. Die Gehörlosen entdecken, dass sie zu einer großen, weltumspannenden Sprachgemeinschaft gehören, dass sie sogar eine eigenständige Kultur haben. Diese Erkenntnis formt und prägt, sie macht Gehörlose damit zu einer besonderen Gruppe unter den behinderten Menschen. Das gefällt offenbar nicht Jedem.

Aus meiner Sicht sind das aber nicht die entscheidenden Punkte, die dazu beitragen, dass Gehörlose und Schwerhörige nicht zueinander finden. Es gibt hier noch einen weiteren, wesentlichen Punkt, über den bisher kaum jemand spricht und der noch nicht in den Fokus dieser Diskussion gerückt ist. Ich erinnere mich noch gut daran, dass uns die Lehrer in der Schwerhörigen-Schule immer wieder ermahnt haben, uns zusammenzureißen, uns nicht hängen zu lassen, uns an die Hörenden zu orientieren, weil das der Maß aller Dinge ist. Wenn es dicke kam, haben sie noch einen drauf gesetzt: „Stell dich nicht so an, du bist doch nicht gehörlos!“. Hier wurde den Schwerhörigen unterschwellig deutlich gemacht, dass sie etwas „Besseres“ seien als die Gehörlosen, aber auch, dass Hörende „höherwertig“ seien. Schwerhörige sind also irgendwie dazwischen. Wenn man sich das bildlich ausmalt, dass schauen und buckeln sie nach oben zu den Hörenden und strampeln und treten nach unten, den Gehörlosen. Das sieht aus wie ein Radfahrer. Die Schwerhörigen erkennen nicht, wie sehr sie instrumentalisiert werden, dass sie unbewusst mit zur Stigmatisierung von Gehörlosen beitragen, wenn sie das „Hören“ als Maß aller Dinge ansehen.

Im Verlauf Ihres Lebens erkennen sie aber, dass sie – obwohl sie sich regel-konform verhalten – weiter kommunikative Schwierigkeiten haben und nicht wirklich weiter kommen. So lange sich Schwerhörigen defensiv verhalten und nicht zu ihrer Behinderung stehen, sie lieber kaschieren und sich den vorgegebenen Normen unterwerfen, so lange werden sie auf der Stelle treten. Währenddessen beobachten sie aber, dass gehörlose Kollegen mittels Gebärdensprach-Dolmetscher offenbar offensiv sind und kommunikativ weiter kommen als sie. Sie erkennen, dass Gehörlose selbstbewusster auftreten, obwohl sie es doch eigentlich viel schwerer haben müssten, glaubt man den Aussagen ihrer Lehrer. Hier stimmt was nicht! Diese Erkenntnis nagt am Selbstbewusstsein und Selbstbild von Schwerhörigen. Leider schaffen es nur wenige von ihnen, diese gedankliche konstruierten Mauern zu durchbrechen und dieses Schwarz-Weiss-Denken hinter sich zu lassen.

Umgekehrt spüren die Gehörlosen die Ablehnung der Schwerhörigen und sind dementsprechend auch wenig kooperativ. Das ist sehr bedauerlich, denn eigentlich sitzen alle Menschen mit Hörbehinderungen, sei es schwerhörig oder gehörlos, in einem Boot. Denn solange wir uns so leicht auseinander dividieren lassen, hat die Politik leichtes Spiel mit unseren Wünschen und Anforderungen. Wir müssen gemeinsam lernen und zum Ergebnis kommen, dass eben nicht nur ein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch gibt. So gibt es Gebärdensprach-Dolmetscher UND Schriftsprach-Dolmetscher, so gibt es Untertitel UND Gebärdensprache im Fernsehen. Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Nur gemeinsam – eine Hand wäscht die andere – können wir den gesellschaftlich auferlegten Druck mittels seiner normativen Vorgaben zurück drängen und unsere gemeinsamen Interessen durchsetzen. Denn Eines ist gewiss: ZUSAMMEN sind wir nicht wenige, sondern viele. Aufgrund unserer großen Zahl sollte es möglich sein, unsere Interessen würdig zu vertreten und durchzusetzen. Das aber geht nur GEMEINSAM!

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